Film // Waste Land : Müll ist unser Leben
Von Matthias LeitnerAuf der größten Müllkippe der Welt, dem "Jardim Gramacho" von Rio de Janeiro, arbeiten 2500 Sammler. Wie Ausgestoßene fristen sie ihre Tage im Müll. "Waste Land" dokumentiert ihr Leben und zeigt ein außergewöhnliches Kunstprojekt.
Wenn zwischen den Favelas Krieg herrscht, türmen sich Leichen auf der größten Müllkippe der Welt: dem "Jardim Gramacho" am Rande von Rio de Janeiro. Aber auch wenn der Drogenkrieg gerade nicht tobt, ist das Elend präsent: Immer wieder werden tote Babys gefunden, die von verzweifelten Müttern, die als Prostituierte arbeiten, oder von überlasteten Familien weggeworfen werden. Jeder der 2500 "garbage people" kann von solch grausamen Fundstücken berichten.
Der Müll armer Leute
Der brasilianische Künstler Vik Muniz, der in Sao Paolo in einer Favela aufwuchs, hat sich vorgenommen, den "garbage people" ein Denkmal zu setzen. Zwei Jahre lang hat er auf dem "Jardim Gramacho" nach Geschichten, Materialien und beeindruckenden Figuren für seine "Pictures of Garbage" gesucht. Er erstellt Porträts von Müllsammlern aus dem Material, das die Existenz des Porträtierten ganz und gar bestimmt - aus Müll. Dabei hat ihn Dokumentaristin Lucy Walker begleitet und zeigt dabei die Lebenswelten der Müllsammler Tiao, Isis, Magna, Valter und vieler anderer.
Kunst kann verändern
Vik Muniz möchte die Menschen, vor allem die, mit denen er arbeitet, durch seine Kunst verändern. Die Konfrontation der Müllsammler mit dem Arbeitsprozess des Künstlers Muniz - dem Sammeln von Material, dem Fotografieren der Porträts und schließlich dem Nachzeichnen und Nachlegen der überdimensional vergrößerten Bilder mit Müll führt bei allen Beteiligten zu einem Umdenken. Die Meisten brechen vor Freude in Tränen aus, als sie sich selbst sehen - verewigt in Kunstwerken aus Müll. Keiner der Müllsammler möchte nach dieser Erfahrung wieder zurück in sein altes Leben. Viel zu lange haben sie sich selbst als Abfall betrachtet: Jetzt ist es Zeit aufzubrechen.
Regisseurin Lucy Walker tritt hinter den Bildern und Protagonisten ihres Films vollständig zurück. Das ist eine dokumentarische Qualität, die den Einzelschicksalen den nötigen Raum und den Kunstwerken die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten. Für "Waste Land" wurde Lucy Walker deshalb 2011 völlig zu Recht für den Oscar nominiert, denn der Film beweist die Kraft der Kunst zu verändern und rührt zu Tränen.
Das müsst ihr sehen: großartige Kunstdokumentationen
1. "Wer ist das Monster – du oder ich?" (1996): Niki de Saint Phalle nennt sich selbst eine "Terroristin der Kunst". Der Filmemacher Peter Schamoni zeigt die Rebellin als provokantes Genie und beobachtet die Eröffnung ihres Tarot Gartens in der Toskana. Für sein Porträt hat er völlig verdient den Bayerischen Filmpreis erhalten.
2. "Die Strände von Agnès" (2008): Agnes Varda ist die große alte Dame des französischen Kinos. Eine Frau, die gar nicht anders kann als dort, wo sie gerade ist, Kunst zu sehen und zu machen. Varda selbst hat sich mit diesem Film ein Denkmal gesetzt. Der Film ist eine persönliche Lebenserinnerung, eine Anleitung zur Phantasie, eine Liebeserklärung an das Kino und die Kunst.
3. "Over Your Cities Grass Will Grow" (2010): Über Jahre hat der deutsche Künstler Anselm Kiefer auf einem verlassenen Gelände in Frankreich Höhlen gegraben, Häuser gebaut, Tunnel gezogen. Entstanden ist ein beklemmend unheimliches und zugleich faszinierendes Kunstwerk – ein Utopia nach der Apokalypse. Dokumentaristin Sophie Fiennes hat ein Jahr lang in Anselm Kiefers Kunstwelt gedreht und gelebt.
