Die Frage on3-radio : Wie geht Revolution?
Von Christine AuerbachZuerst verjagen die Tunesier ihren Diktator, dann die Ägypter. Jetzt schwappt der Protest nach Europa: Junge Spanier besetzen die zentralen Plätze ihrer Großstädte. Aber wie macht man überhaupt Revolution? Die Frage im Mai.
Irgendwie riecht dieser Frühling nach Revolte. Nachdem die Tunesier und Ägypter vorgemacht haben, wie schnell scheinbar mächtige Regierungen stürzen können, besetzen jetzt auch junge Spanier Plätze und diskutieren friedlich über die Zukunft ihres Landes. Das hat es noch nie gegeben: Die revolutionäre Stimmung breitet sich erst in den arabischen Ländern aus und schwappt dann nach Westeuropa. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die Ägypter wiederum von serbischen Protestlern Tipps und Hilfe bekamen – aber dazu später mehr.
Und in Deutschland? Auch bei uns erzwingen die so genannten "Wutbürger" das Ende des Atomausstiegs und einen Volksentscheid über Stuttgart 21. In dieser spannenden Zeit frage ich mich: Wie geht eigentlich Revolution? Was muss passieren, damit Menschen ihren Alltag gegen ein Protestcamp eintauschen? Und wie stürzt man eigentlich einen Diktator? Meine Recherchen könnt ihr im Blog verfolgen. Alle Interviews und Reportagen findet ihr hier in voller Länge:
Station 1: Amani macht Revolution

Bild: BR
Der Umsturz in Ägypten kam völlig unerwartet – nicht nur für das Regime, sondern auch für die jungen Revolutionäre. Ein Jahr lang habe ich die Radiomacherin Amani Eltunsi begleitet. Das ist ihre Geschichte in drei Reportagen. In der ersten Folge, 10 Monate vor Beginn der Proteste, träumt Amani zwar schon von Demokratie und Freiheit. Aber eigentlich hat sie sich mit dem System arrangiert. Im zweiten Teil erleben wir Amani kurz vorm entscheidenden Protesttag, dem Marsch der Millionen. Sie hat sich der Revolution angeschlossen, hat im Netz zu Demonstrationen aufgerufen und wurde deshalb vom Regime schikaniert. Wie weit wird sie gehen? Der dritte Teil zeigt die Situation drei Monate nach dem Sturz Mubaraks. Noch ist die Demokratie nicht gesichert und Amani macht sich Sorgen um ihr "Baby", denn so nennt sie inzwischen ihre Revolution.
Station 2: Otpor – die Umsturz-GmbH

Bild: dpa/picture-alliance
Oktober 1999: Mitglieder der OTPOR-Bewegung schlagen auf eine Blechtonne ein, auf der das Konterfei von Präsident Slobodan Milošević befestigt ist.
Sie haben Serbiens Diktator Milošević gestürzt – immer ohne Gewalt, dafür mit viel Humor. Da gab es zum Beispiel eine Aktion, bei der Passanten auf ein Ölfass mit dem Bild Milosevics einschlagen konnten. So wurde die Jugendbewegung Otpor zum Vorbild für Freiheitskämpfer weltweit. Ihre Expertise ist gefragt, gerade erst haben sie Protestlern in Ägypten und Tunesien Hilfestellung gegeben. Das macht Otpor zu einer Art Unternehmensberatung in Sachen gewaltloser Widerstand. Im Interview verrät Gründer Srdja Popovic die wichtigsten Regeln im Kampf gegen Diktaturen. Und er hat auch ein paar Tipps für deutsche Atomkraftgegner.
Station 3: Ratgeber für Revolutionäre
Schon mal bei einem sick-in mitgemacht? Oder einem kollektiven Krankschreiben? Nur zwei Methoden von 198, die Gene Sharp in seinem Buch "From Dictatorship to Democracy" vorschlägt. Auf seinen Leitfaden mit praktischen Anweisungen, wie man gewaltfreien Widerstand organisiert, haben sich nicht nur Otpor gestützt, auch während der arabischen Revolutionen wurde er ordentlich geklickt und diskutiert.
Stéphane Hessel ist 93 und derzeit der Mahner Europas. "Empört Euch!" heißt sein erstes Buch, "Engagiert Euch!", sein zweites, erscheint im Juli. Hessel war Widerstandskämpfer in der französischen Résistance und 1948 Mitautor der UN-Charta der Menschenrechte. Der Mann weiß also, wovon er spricht, wenn er Empörung fordert.
Station 4: Der Protestexperte
Ove Sutter arbeitet an der Uni Wien, am Institut für europäische Ethnologie. Sein Forschungsschwerpunkte sind soziale Bewegung und prekäre Arbeitsverhältnisse. Beide Sachen, meint er, spielen bei Protesten eine große Rolle. Denn unsere Arbeitswelt färbt auf den Protest ab: Alles wird projektförmiger, es gibt keinen Chef und man engagiert sich nicht mehr langfristig. Außerdem definiert Ove Sutter den Begriff Revolution und erklärt, warum er lieber von Revolte spricht.
Ihr habt auch eine Frage? Oder aber DEN Hinweis für die aktuelle Frage? Dann habt ihr hier die Möglichkeit, uns eine Mail zu schreiben. Schreibt an diese Adresse: diefrage@on3-radio.de

