Film // Morgen das Leben : München: Eine Frustration
Von Matthias LeitnerAlexander Riedl zeigt in seinem Film "Morgen das Leben" Menschen, die der ständigen Frustration durch falsche Erwartungen und verlorene Träume entfliehen wollen. Der Stadtraum München spielt dabei eine eigene Hauptrolle.
München zerquetscht Lebenswege nicht mit einem satten Schlag, spuckt keine Ganz-oder-gar-nicht-Loser aus, die alles auf eine Karte setzen und mit einem Mal vor Ruinen stehen. Nein, München klopft mürbe: Langsam aber stetig zerbrechen in der 'Weltstadt mit Herz' Existenzen an den hochgeschraubten Karriere-Erwartungen, dem latenten Großbürgertum, das sogar Studenten-WGs mitunter infiziert und den vielen kleinen, (meist ausgelassenen) Sprossen auf der imaginären Karriereleiter.
Ein dokumentarischer Spielfilm
Regisseur Alexander Riedl kennt dieses München nur zu gut. Hier hat er an der Hochschule für Fernsehen und Film studiert und bislang vor allem Dokumentationen ("Draußen bleiben" 2007) gedreht. Mit "Morgen das Leben" hat Riedl jetzt das Porträt der Münchner Stadtraum-Frustration vorgelegt. Er verbindet darin sein dokumentarisches Auge mit den Mitteln des Spielfilms - und nennt "Morgen das Leben" schlicht einen "dokumentarischen Spielfilm".
Drei Lebenswege zeigt Riedl darin: Da ist Ulrike, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde und den sicheren Job im Sozialreferat gekündigt hat, um eine Ausbildung als Masseurin zu beginnen. Oder Jochen, der seine Existenz als Gelegenheitsgrafiker satt hat und sich nach mehr Kontinuität und Sicherheit sehnt, weshalb er als Versicherungsvertreter anheuert – auf Empfehlung seines Vaters. Und Judith arbeitet im Telefonmarketing, praktiziert privat Telefonsex und hängt sichtlich ihrem alten Leben nach, spaziert sie doch manchmal in ihrer ehemaligen Stewardessen-Uniform in der Stadt herum.
Keine Kraftprotze und Allesüberstrahler
Alexander Riedl ist bereits vierzig Jahre alt, seine Protagonisten stehen kurz vor diesem runden Geburtstag. Die Midlife-Crisis lauert also in jeder Ritze ihres Lebens - mit ihrer eigentümlichen Mischung aus Zukunftsangst und Nostalgie. Doch in "Morgen das Leben" werden Helden geboren. Helden, die keine Kraftprotze und Allesüberstrahler sind, sondern stille Alltagsbewältiger, die einen Neuanfang wagen. Genauso still und alltäglich, wie die Figuren ihr Leben meistern, ist der Film auch inszeniert. Ausgewählt-ruhige Kammereinstellungen erfassen Ulrike, Jochen und Judith in ihren Lebensräumen, die ganz authentisch wirken, und bereiten den Raum für subtiles Schauspiel - für das Ulrike Arnold und Jochen Strodthoff schon 2010 auf dem Filmfest München ausgezeichnet wurden. Es ist Riedl gelungen, dem provinziell-mondänen Großmaul München ein still-subtiles Stadtkammerspiel zu widmen. Das ist nicht spektakulär, aber fein beobachtet und leise ironisch.
Das müsst ihr sehen: Alltag in München
1. "München 1945" (1945) – Dokumentarist Willi Cronauer hat das zerstörte München gefilmt. Ein fertiges Werk wurde aus dem Material leider nie. Das Filmmuseum München hat die längsten Schnittvarianten restauriert, digitalisiert und auf DVD veröffentlicht. Die Aufnahmen geben einen unmittelbaren Eindruck über das München nach dem Krieg.
2. "Angst essen Seele auf" (1974) – Rainer Werner Fassbinder zeigt, wie es anderen Lebensentwürfen als den sogenannten normalen im München der 70er Jahre ergeht. Sie werden, wie die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Marokkaner, an den Rand gedrängt, isoliert und langsam zerbrochen.
3. "München – Geheimnisse einer Stadt" (2000) – Regisseur Dominik Graf und der im Mai 2011 verstorbene Filmkritiker Michael Althen erträumen in ihrem Filmessay eine Stadt, die so nicht existiert. Eine Stadt der abgebrochenen und verlorenen Biografien, in der alles mit allem zusammenhängt und nichts sinnlos erscheint.
