Plattenkritik // Arctic Monkeys - Suck It And See : Friss oder stirb
Von Michael WoppererProbieren geht über Studieren: Nach drei gewitzten Indierockalben machen die Arctic Monkeys einen großen Schritt in Richtung amerikanisierter Schweinerock. Wer "Suck It And See" hört, muss sich fragen, ob das eine gute Idee war.
Immer wenn eine Band mit einem Hammerdebüt auf der Bildfläche erscheint, warnen alle vor dem "schwierigen zweiten Album". Und wenn eine Band es hinbekommt, das zweite Album ohne Qualitätsverlust ans erste anzuschließen, dann ist es eben das "schwierige dritte Album", das einer Band doch bitteschön Probleme bereiten möge. Das vierte Album spielt in dem Zusammenhang eigentlich schon außer Konkurrenz - wer es so weit geschafft hat, der genießt Narrenfreiheit. Und alles, was er jetzt noch leisten muss, ist, diese Freiheit zu nutzen.
Die Arctic Monkeys haben in dieser Rechnung erstmal alles richtig gemacht: Sie haben ein Debüt aufgenommen, das auf einen Schlag alles platt gemacht hat, was sich vorher Indierock nannte. Sie haben schnell ein ebenbürtiges zweites Album nachgeschoben. Und dann haben sie ein kantiges drittes Album geliefert, das die eigene Blaupause radikal in Frage gestellt und in ihrer Quintessenz doch schlüssig fortgeführt hat. Nichts davon schien ihnen wirklich schwerzufallen.
Dass die Arctic Monkeys jetzt ausgerechnet im vierten Anlauf an der Logik vom "schwierigen Album" scheitern, könnte man ihnen als sympathischen Regelverstoß auslegen. Wenn es nicht so schade wäre.
"Suck It And See" hält sich ans Motto des (ehrlich gesagt ganz schön bescheuert klingenden) Albumtitels: Probieren geht über Studieren. Nimm das - und schau, was du damit anfangen kannst. Friss oder stirb. Fast jeder Song auf dem Album scheint aus der Grabbelkiste der Ideen zu kommen, die die Arctic Monkeys früher stets verworfen hätten, weil bessere, zündendere Ideen sich aufdrängten. Songwriting: Mittelmaß. Arrangements: Standard. Texte: Manchmal hart an der Peinlichkeitsgrenze. Die Freiheit, die die Arctic Monkeys nach drei brillanten Alben genießen könnten, bleibt fast ungenützt.
Man könnte eine spätpubertäre Sinnkrise vermuten: Das Boywonder muss erwachsen werden, der Erwartungsdruck ist groß, aber die Ideen werden knapp, weil das Leben, aus dem man bislang geschöpft hat, plötzlich weg ist. In der alten Heimat Sheffield gab es noch Geschichten, in New York (wo Alex Turner geschrieben hat) und in Los Angeles (wo aufgenommen wurde) gibt es nur noch dolce vita und den Auftrag, zeitnah abzuliefern. Also verfallen die Arctic Monkeys auf Rock'n'Roll-Klischees und spielen ihr Zeug runter, als sollten sie eine Straße teeren. Songs wie "She's Thunderstorms" und "Library Pictures" befriedigen noch grundlegende Arctic-Monkeys-Bedürfnisse, aber das plumpe "Brick By Brick" ist einfach nur noch zum Kotzen.
In einem Interview hat Alex Turner gesagt, der Ehrgeiz bei "Suck It And See" sei gewesen, "etwas hinzukriegen, das nicht total scheiße ist". Das ist den Arctic Monkeys gelungen. Dass das alles ist, was die einst beste Band der Welt heute noch hinbekommt, ist bitter. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf: Vielleicht kann doch auch das vierte Album das wirklich schwierige sein, die Talsohle, die durchschritten werden muss. Und danach winkt die große Freiheit. Und die wird sicher, ganz sicher, total super. Let's suck it and see.
