Film // Life in a Day : Achtung, Innovation!
Von Matthias LeitnerOscarpreisträger bürgen mit ihrem Namen und Filmfestivals bieten das Forum: Die YouTube-Dokumentation "Life in a Day" wird als große Innovation gefeiert. Aber die Vergangenheit zeigt: Revolution geht anders.
YouTube-Nutzer waren am 24. Juli 2010 aufgerufen, Videos aus ihrem Leben zu drehen und anschließend für das Filmprojekt "Life in a Day" hochzuladen. Ein Film, der das ganze menschliche Leben an einem Tag und auf dem gesamten Globus erfasst, sollte dabei herauskommen. Hinter dem Projekt stecken Oscarpreisträger Ridley Scott als Produzent und Regisseur Kevin McDonald, dessen Hauptaufgabe es war, aus den Materialbergen der Teilnehmer einen vorzeigbaren Film zu fertigen. Anfang 2011 feierte der Streifen beim Sundance Festival Premiere. Damals wurde von einer Innovation, von einer großen Kinorevolution gesprochen. Und das ist äußerst verwunderlich, denn "Life in a Day" ist nichts anderes als ein misslungener Nachahmer.
Schauplatz: Berlin
Bereits am 5. September 2009 hatte der Dokumentarfilmer Volker Heise Berlin zum Filmset erklärt – für eine 24-stündige Fernsehdokumentation. Ein 400 Mann starkes Drehteam, bestückt mit hochkarätigen Regisseuren wie Andres Veiel, Rosa von Praunheim oder Romuald Karmakar begann um 6 Uhr morgens damit, ausgewählte Menschen für 24 Stunden durch ihr Leben zu begleiten. Von Berlins Oberbürgermeister Wowereit über Techno-Produzent Ricardo Villalobos bis hin zu Rentnern, Drogenabhängigen, Ärzten, Zugschaffnern war alles dabei, was den Querschnitt einer Großstadt ausmacht. Außerdem waren in der Stadt Talkpoints verteilt, an denen Menschen ihre Geschichte vor Kameras erzählen konnten. Das interessierte Publikum konnte sogar selbstgedrehtes Material auf der Webpage des Projekts hochladen.
Konzept vs. Sammelsurium

Bild: Rapid Eye Movies
Szene aus "Life in a day"
Volker Heise hat mit "24 h Berlin" weit vor "Life in a Day" eine wahrhafte Innovation geschaffen. Und er hatte im Gegensatz zum Youtube-Stückwerk ein klares Konzept mit klarer Form. Heise wollte 24 Stunden aus dem Alltag einer Stadt zeigen - und zwar in einem 24-stündigen durchkomponierten Fernsehprogramm, das ausschließlich am 5. September jedes Jahres und in Originallänge gezeigt werden darf. Das ist konsequent, ganz im Gegensatz zu "Life in a Day", der schon mit seinen 95 Minuten Länge den eigenen Titel Lügen straft und in dieser Zeit zu keiner Sekunde an die inhaltliche Dichte und den erzählerischen Facettenreichtum von "24 h Berlin" herankommt.
Abgekartetes Spiel?
Auch der amerikanische Filmemacher Kyle Ruddick hatte schon weit vor "Life in a Day" an seinem Projekt "One Day on Earth" gearbeitet – die Ähnlichkeit der beiden Projekte ist verblüffend. Eine weltweite Community sollte die 24 Stunden des 10. Oktober 2010 dokumentieren, daraus sollte dann - wie bei Volker Heise - ein 24-stündiges Medienevent destilliert werden. Dieses Ziel wurde verfehlt, doch die Community hat weitergearbeitet und jetzt den 11. November 2011 ins Visier genommen. Der aktuelle Bohai um Ridley Scotts und Kevin McDonalds "Life in a Day" dürfte dem avancierten Projekt allerdings ein bisschen das Wasser abgraben. Das ist ärgerlich, schade und ungerecht. Unter anderem auch, weil Ruddick für sein Projekt 2010 mit YouTube kooperieren wollte und eine Absage bekam. Einige Zeit später propagierte Youtube dann "Life in a day" - ein Schelm wer Böses denkt.
Was wird bleiben?
Vorreiter Ruddick muss sich nach Sichtung des Konkurrenz-Projekts "Life in a Day" nicht ärgern, denn er wird einen Film ohne Substanz zu sehen bekommen: Hier wird kein Leben erzählt, sondern Leben zerhackt. Hier entstehen nie interessante Geschichten, sondern nur grobe Eindrücke. Hier wird Filmemachen nicht zum kollaborativen Akt, sondern zum gehetzten Durcheinander – dann doch lieber Youtube schauen.
Das müsst ihr sehen: Ein Tag, ein Film.
1. "Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7" (1961) – Sie ist die Grand Dame der Nouvelle Vague: Agnes Varda. Mit "Cleo" hat sie ein Meisterwerk geschaffen. Zwei Stunden begleiten wir darin die Titelhelden durch Paris und warten mit ihr auf die Krebsdiagnose ihres Arztes - berührend und poetisch.
2. "Lola rennt" (1998) – Tom Tykwers Jugendstreich mit Moritz Bleibtreu und Franka Potente ist ohnehin schon legendär. Doch die Geschichte um Gangster, verlorenes Geld, Tod, Liebe und Schicksal ist derart perfekt erzählt und inszeniert, dass der Film immer wieder Spaß macht.
3. "A Single Man" (2009) – Von Zeit zu Zeit erinnert sich George Falconer (Colin Firth) an vergangene Momente. Doch eigentlich spielt Tom Fords furioses Drama an einem einzigen Tag, dem 30. November 1962. Und somit in einer Ära, in der Homosexuelle wie Professor Falconer ihre Liebe noch im verborgenen leben mussten.
