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Film // The Tree of Life Familie auf Abwegen

Von Matthias Leitner

In Terrence Malicks fünfter Regiearbeit geht es um das große Ganze, die Ordnung der Welt. Der Meisterregisseur erklärt sie in einer profanen Familiengeschichte. In Cannes gab's dafür die Goldene Palme. Bei uns gibt es viel Lob.

Szene aus

Für eine klassische Kinoerzählung interessiert sich Regie-Eigenbrötler Terrence Malick nicht: "The Tree of Life", seine erst fünfte Regiearbeit in 38 Jahren, ist üppig in seiner Bildlichkeit, komplex in seiner Erzählweise und für viele Kinobesucher garantiert verstörend. Denn mit hingehauchten Bibelzitaten, ätherisch-sakraler Musik und einem assoziativen Bilderreigen über die Entstehung des Universums – inklusive Dinosaurier, explodierender Vulkane und aufschlagender Meteoriten – empfängt Malick sein Publikum nicht gerade mit offenen Armen. Dabei hat er nichts Geringeres im Sinn als das große Ganze unserer menschlichen Existenz auf zwei Stunden Zelluloid zu bannen – ein ganz schön großes Vorhaben. Um das zu erreichen, knüpft der Regisseur an ein universelles Motiv an, mit dem sich fast jeder Zuschauer identifizieren kann: Er erzählt eine Familiengeschichte.

Psyche und Universum

Waco, Texas - der Mittlere Westen der USA in den 1950er Jahren. Hier wohnen Mr. O'Brien (Brad Pitt) und Mrs. O'Brien (Jessica Chastain) mit ihren drei Söhnen, wobei der jüngste der drei, Jack (Hunter McCracken), die Identifikationsfigur des gesamten Filmes ist. Denn es sind die Erinnerungen des gealterten Jack (Sean Penn), die uns immer wieder in die Vergangenheit führen – in Jacks Kindheit. In Momenten, die manchmal einprägsam, oftmals nebensächlich erscheinen, aber auf die Psyche des Kindes und später des erwachsenen Mannes einen schwerwiegenden Einfluss hatten. Der Film kreist um diese Erlebnisse und verrät damit etwas über das große Thema, welchem sich Terrence Malick in seinen Filmen immer wieder widmet: der Ordnung der Dinge.

Im Großen interessiert sich Malick für die Ordnung des Lebens, im Kleinen zeigt er diese Ordnung an der Erziehung eines Menschen, an der Erziehung Jacks durch seine Eltern, durch Vater und Mutter, die im Film einen Gegensatz bilden: Beide haben jeweils ihren ganz eigenen Einfluss auf die Erziehung des Sohnes.

Genie oder Wahnsinn?

Der Regisseur Terrence Malick fordert viel von seinen Zuschauern: Wer keinen Zugang zum streng geordneten Filmkosmos von "The Tree of Life" findet, bleibt außen vor. Einigen wird auch Malicks Hang zur Esoterik, sein Pathos und seine Naturverklärung ziemlich sonderbar vorkommen. Doch dem Eigenbrötler Malick ist das ziemlich egal, denn er weiß, dass er seinem Publikum auch vieles schenkt: Bilder von überwältigender Schönheit, Szenen in denen kleine Gesten die Worte ersetzen und Verschwiegenes offenbaren.

Malick ist ein beeindruckender Film gelungen, radikal in Form und Inhalt. Ein Film, der als gänzlich eigenständiger, künstlerischer Entwurf das Label 'Kunstwerk' mehr als verdient. Wer sich als Zuschauer auf diese Seh-Herausforderung einlässt, wird reichlich belohnt.

Das müsst ihr sehen: Die Filme von Terrence Malick

1. "Badlands" (1973) – Malick hatte seinen Debütfilm über ein marodierendes Mörderpärchen unabhängig finanziert, um künstlerisch frei arbeiten zu können. Mit Sissy Spacek und Martin Sheen in den Hauptrollen ist ihm am Ende ein Klassiker des "New Hollywood" gelungen.

2. "In der Glut des Südens" (1978) – Sein zweiter Film, eine Liebesgeschichte mit dem jungen Richard Gere als Wanderarbeiter, gilt als einer der schönsten Filme aller Zeiten. Für die Kameraarbeit von Nèstor Almendros gab es einen Oscar.

3. "Der schmale Grat" (1998) – Nach 20 Jahren Kinoabstinenz versetzt Malick die Filmwelt mit diesem Kriegsepos in helle Aufregung. Ein Film von unfassbarer Schönheit und Weisheit, in dem es Malick schafft, aus dem Grauen des Krieges eine Erzählung über Natur und Unschuld zu entwickeln.


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