Film // The Bang Bang Club : Wenn die Kamera zur Waffe wird
Von Matthias LeitnerBiertrinkende und weibsgeile Draufgänger - das sind die Standardklischees über Kriegsreporter. Der Film "The Bang Bang Club" erzählt die Geschichte einer Clique von Fotografen, die im Bürgerkrieg von Südafrika im Einsatz waren.
Kriegsfotografien gehören seit dem 19. Jahrhundert zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Bei einer Internetsuche zum Thema Vietnamkrieg stößt man sofort auf die berühmte Aufnahme "Vietnam Napalm" des Fotografen Nick Út. Das Bild, aufgenommen im Sommer 1972, zeigt ein nacktes, vietnamesisches Mädchen, das schreiend und von Napalam versengt aus seinem von der U.S. Army zerstörten Dorf Trảng Bàng flieht. Für jeden Kriegsschauplatz und jeden Gewaltkonflikt der Moderne lassen sich solche ikonischen Aufnahmen finden, selten wird dabei an die Geschichte des Fotografen erinnert. Oftmals ist nicht einmal sein Name erwähnt.
Tollkühn und fahrlässig
Hier setzt Regisseur Steven Silver an, der seine Karriere als Dokumentarfilmer in Südafrika begonnen hat. In dieser Zeit ist er auf die Geschichte des 'Bang Bang Clubs' gestoßen: eine vierköpfige Fotografenclique, die von 1990 bis 1994 den Bürgerkrieg im ehemaligen Apartheitsregime verewigt hat. Ihren Spitznamen haben die Fotografen Kevin Carter, Greg Marinovich, Ken Oosterbroek und Joao Silva wegen ihrer Unerschrockenheit und Risikofreude bekommen. In der Rückschau erscheint dieser Todesmut natürlich nicht nur heroisch, sondern auch als leichtfertiger Irrsinn. Oosterbroek wurde bei den Tumulten erschossen und Carter hat 1994 Suizid begangen. Silver erzählt die Geschichte dieses "Bang Bang Club" als dramatischen Thriller mit dokumentarischem Chic – er will die Geschichte hinter den Fotografien erzählen.
Aasgeier und Fotograf

Bild: Senator
"The Bang Bang Club" zeigt, wie die Fotografen als absurde Fremdkörper durch Gewaltexzesse streunen, wie sie scheinbar unberührt von den Gräueln nach der besten Position, dem schönsten Licht, ganz einfach nach dem besten Shot jagen. Ein Bild greift Regisseur Silver dabei immer wieder auf – den Blick durch den Sucher der Fotokamera auf das Kriegsgeschehen. Dieser erscheint wie der Blick durch das Fadenkreuz eines Gewehrs und steht damit für die etwas zu simple Betrachtungsweise des Regisseurs auf die Geschichte des "Bang Bang Club".
Die amerikanische Autorin Susan Sontag hat über die Verwandtschaft zwischen Waffe und Fotoapparat geschrieben: "Wie die Kamera eine Sublimierung des Gewehrs ist, so ist das Abfotografieren eines Anderen ein sublimierter Mord – ein sanfter, einem traurigen und verängstigten Zeitalter angemessener Mord." Diesen "Mord", den die Kriegsfotografen mit ihren Kameras vollziehen, hinterfragt Regisseur Silver aber viel zu selten. Auf einer Pressekonferenz zur Pulitzer-Preis-Verleihung 1994 für eine seiner Fotografien wird das "Bang Bang Club"-Mitglied Carter gefragt: "Warum haben sie dem Mädchen nicht geholfen?" Carter hatte darauf keine Antwort – sein Bild zeigt ein in sich zusammengekauertes, fast verhungertes Mädchen, hinter dem ein Aasgeier lauert. Ein knappes Jahr nach der Preisverleihung nahm sich Carter das Leben.
Vage und leer

Bild: Senator
Reflektierte Momente wie Carters Reglosigkeit, sein Verstummen vor dem Unaussprechlichen, sein Scheitern an der Selbstrechtfertigung bietet Regisseur Silver viel zu selten und lässt in seiner Figurenzeichnung die Fotografen lediglich als eindimensionale Aasgeier erscheinen – als biertrinkende und weibsgeile Draufgänger. Fragen, die sich nach Betrachten der Fotografien aufdrängen, werden dagegen kaum tangiert: Warum entschließen sich vier Männer - bewaffnet mit Kameras - in die Todeszone zu gehen? Was wollen sie mit ihren Bildern erreichen? Was verbirgt sich hinter den auf Fotopapier gebannten Konflikten?
In "The Bang Bang Club" werden diese zentralen Fragen zu vage beantwortet und fallen der Action zum Opfer. Eine vertane Chance. Denn der Film scheitert dadurch an seinem Thema. In einer Laufzeit von knapp zwei Stunden schafft er es nicht annähernd, so verstörend und aufrüttelnd zu sein wie die paar wenigen bekannten Kriegsfotografien des Bang Bang Club.
Das müsst ihr sehen: Fotografen im Film.
1. "Das Fenster zum Hof" (1954) – James Stewart spielt einen Fotojournalisten, der wegen einem gebrochenen Bein in seiner Wohnung gefangen ist und deswegen das Treiben im Hinterhof beobachtet. Eines Tages glaubt der Voyeur, einen Mord beobachtet zu haben – er hat Recht und schwebt in Todesgefahr. Unbedingt sehenswerter Klassiker von Alfred Hitchcock.
2. "Blow Up" (1966) – Regisseur Michaelangelo Antonioni zeigt das London der Swinging Sixties. Fotograf Thomas lässt sich durch die Stadt treiben, ist der willigen Models überdrüssig. In einem Park fotografiert er ein Paar, doch die Frau fordert vehement Thomas' Fotografien. Er führt sie hinters Licht und gibt ihr den falschen Fotofilm. Beim Entwickeln des richtigen stellt er fest: auf dem Bild ist eine Leiche zu sehen.
3. "War Photographer" (2001) – Zwei Jahre lang hat Dokumentarist Christian Frei den Kriegsfotografen und Fotokünstler James Nachtwey begleitet. Eine Spezialkamera, angebracht an Nachtweys Fotoapparat, zeigt uns die Perspektive eines unerschrockenen Chronisten. Eindringliche Bilder und der gelungene Versuch, sich dem schweigsamen Beobachter Nachtwey zu nähern.
