Plattenkritik // Casper – XOXO Ein Erlöser, der keiner ist

Von Kevin Schramm

Rap, Indie, Pop – Casper kennt keine Grenzen. Sein neues Album "XOXO" zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Platten dieses Jahres. Keine Frage: es wird den deutschen HipHop und die Indielandschaft verändern.

Interview // Casper - "Manchmal lieg ich im Bett und schieb Panik" | Bild: BR

Casper beginnt das Interview gleich mit Komplimenten für unseren Moderator Laury. So macht man sich beliebt. Die beiden sprechen aber noch mehr: Über Subkultur, alte Zeiten und den Hype um ihn, den er selbst nicht immer versteht.

Video abspielen Interview // Casper "Manchmal lieg ich im Bett und schieb Panik"

Icon_small_video "Manchmal lieg ich im Bett und schieb Panik" Interview // Casper Ohne Javascript kannst du dieses Element nicht abspielen!

Casper werkelt im Hamburger Studio "Die Krabbe" gerade am neuen Album "XOXO" (sprich: hugs and kisses). Da kommt eine E-Mail von Tomte-Sänger Thees Uhlmann rein. Er bietet an, beim Album mitzumachen. Und kurze Zeit später steht Thees tatsächlich in der Gesangskabine und singt den Refrain des Titeltracks ein. Noch von dort aus lässt er verlauten: "XOXO" stehe für ihn auf einer Stufe mit deutschen Indie-Klassikern wie "L'Etat et Moi" von Blumfeld oder "K.O.O.K." von Tocotronic.

Eine kurze Episode, die viel über das neue Casper-Album verrät. Denn es verbindet Welten und Sounds. Der mediale Hype ist allgegenwärtig: Casper findet derzeit in den Intros, Bravos und Feuilletons dieses Landes statt. Und in der HipHop-Szene ist man sich sowieso schon lange einig: Dieses Album könnte eine ähnliche Zeitenwende einläuten, wie damals Sidos Debüt "Die Maske" ("Mein Block", "Fuffies im Club") auf Aggro-Berlin.

Emo-Post-Hop-Pop oder so

Aber erstmal der Reihe nach: Casper kann nicht singen, spielt kein Instrument und macht keine Beats – er kann nur rappen. Dafür hat er zwei Dinge, die vielen anderen Kollegen in Deutschland derzeit fehlen: Er hat Musikgeschmack und eine glasklare Vorstellung davon, wie sein Sound klingen soll - und wie nicht. "Crossover ist der Feind!" lautet die goldene Regel, die während den Aufnahmen zu "XOXO" auf einem Zettel an der Wand im Hamburger Studio klebt. Fest steht: Für seinen Bastard aus verkopftem Indie und anspruchsvollem Rap gibt es in Deutschland bislang kaum Vorbilder. Zusammen mit seiner Band, allesamt Mitglieder seiner alten Hardcoreband, ist er volles Risiko gefahren und hat einen komplett eigenen Soundentwurf in den Raum gestellt: Emo-Post-Hop-Pop oder so.

Die außergewöhnliche Geschichte des Benjamin Griffey

Um zu verstehen, wie es soweit gekommen ist, muss die außergewöhnliche Geschichte von Benjamin Griffey, so Caspers bürgerlicher Name, erzählt werden. Er wächst in einem Trailerpark in den Südstaaten der USA auf. Als seine aus Deutschland stammende Mutter die Eskapaden seines Stiefvaters zwischen Knast und Gewalt nicht mehr erträgt, steigen sie in den Flieger und beginnen ein neues Leben in ihrer alten Heimat. Seine Pubertät erlebt Casper in einem kleinen Kaff bei Bielefeld.

Audio abspielen Interview // Casper - "Alles kann, nichts muss" | Bild: BR Interview // Casper "Alles kann, nichts muss"

Icon_small_word "Alles kann, nichts muss" Interview // Casper Ohne Javascript kannst du dieses Element nicht abspielen!

Bald lässt er die Langeweile der Provinz hinter sich und reist als Shouter einer Hardcore-Band durch die Republik. Angefixt vom Dirty South-HipHop seiner amerikanischen Heimat fängt er im Tourbus aus Witz mit dem Rappen an. Sein Style: In dem einen Track reimt er über Bitches und Fame und im nächsten schüttet er den Hörern sein Herz aus. Diese Mischung, gepaart mit der vom Kreischen geschundenen Stimme, kommt an. Bei seinen ersten Auftritten verkleidet er sich noch als HipHopper. Aber kurz darauf tauscht er auch auf der Bühne Baggy-Pants gegen Röhrenjeans. Aufgrund seines Looks und seiner Themen ("Rasierklingenliebe") wird er in der HipHop-Szene als 'Emorapper' gefeiert und beschimpft.

Fast jede Woche tauchen auf Caspers Facebook-Seite neue Fotos auf, auf denen Fans stolz zeigen, dass sie sich seine Textzeilen haben tätowieren lassen. Besonders beliebt ist diese hier:

"Jeder von uns ist Kunst, gezeichnet vom Leben."

Auch auf der neuen Platte finden sich wieder extrem pathetische, aber auch einfach verdammt große Zitate. Zwei Beispiele:

"Wenn du neben mir liegst, in deinem kleinen Alaska."

"Ein Kodakmoment, wie dein Herz zerspringt."

Casper fasst diese flüchtigen, aber alles entscheidenden Augenblicke, die jeder kennt, in Worte. Er gibt uns das Zitat, das man an das Ende der letzten Mail an die gescheiterte Beziehung setzt und das tausendmal mehr aussagt als das eigene ungestüme Buchstabenwirrwarr davor.

Was Größeres sprengen als Thessas Party

"XOXO" richtet sich an die Kids – und an die, die innerlich noch Kind geblieben sind. Zuerst tritt er der Generation Facebook in den Allerwertesten, um ihr klar zu machen, dass man auch noch was Größeres sprengen könnte als Thessas Party. Dann legt er den Finger in die Wunden aller Endzwanziger, die sich für die Banklehre statt für den Rockstartraum entschieden haben. Aber Casper nimmt auch die Außenseiter mit, die Schwachen und Verletzlichen, die in der darwinistischen Battlekultur des HipHop bisher keinen Platz hatten.

Casper ist nicht der Erlöser der HipHop-Szene. Er hat ihr nur die Augen dafür geöffnet, dass Deutschlands Rap-Kaiser nackt sind. Es reicht eben nicht aus, sich eine Liveband aus auswechselbaren Muckern zusammenzustellen und dann einen auf Reggae zu machen, um relevant und für Festivals buchbar zu bleiben, so wie es beispielsweise Samy Deluxe letztes Jahr gemacht hat.

Und wer schon auf einem Casper-Konzert war, der weiß, dass dort schon lange nicht mehr die Kopfnicker-Fraktion in der Überzahl ist. Sein Publikum speist sich aus allen Richtungen, die vor allem eins vereint: Ein Patchwork-Musikgeschmack, der geprägt ist durch iPod, Blogs oder last.fm. Und da ist der Sprung zwischen Indie und Rap, zwischen Thees Uhlmann und Casper eben nicht mehr als ein hektischer Fingerwischer auf dem Touchscreen. Mehr Zeitgeist geht nicht.