Film // Über uns das All : Licht in fremden Galaxien
Von Matthias LeitnerEin preisgekrönter Debütfilm mit fantastischer Hauptdarstellerin: In Jan Schomburgs "Über uns das All" glänzt Sandra Hüller als schwer traumatisierte Frau am Abgrund.
Martha (Sandra Hüller) ist Lehrerin und Paul (Felix Knopp) Medizinstudent mit den besten Berufsaussichten. Sie sind Mitte 30 und glücklich verheiratet, bis zu dem Moment, an dem Martha mit der bitteren Wahrheit konfrontiert wird: Zwei Polizistinnen überbringen ihr die Nachricht, dass sich Paul in seinem Auto auf einem Parkplatz in Marseille das Leben genommen hat – eigentlich wollten die beiden dorthin auswandern. Während Martha Pauls Beerdigung arrangieren muss, offenbart sich die Lebenslüge ihres Mannes. Martha findet heraus, dass Paul gar nicht promoviert und dessen Doktorvater seinen angeblichen Meisterschüler seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Wer war der Mann, mit dem sie verheiratet war?
Ein Schock, der langsam nachlässt
Sandra Hüller spielt Martha, erst lebensfroh, dann trotzig, schließlich gebrochen und irgendwie derangiert. Eine Frau, der jede Gewissheit und Lebensfreude in dem Moment abhandenkommt, als zwei Polizistinnen von Pauls Selbstmord berichten. Doch in Marthas Bewusstsein sickert die Erkenntnis, dass ihr Mann ein Hochstapler war, erst viel später ein. Dann nämlich, als der Schock langsam wieder nachlässt.
Sandra Hüller liefert in "Über uns das All" eine phänomenale Leistung ab: Selten hat eine Schauspielerin so berührend gelitten, verdrängten Schmerz derart spürbar gemacht und dabei sogar noch gelacht. In jedem Moment passiert etwas Wesentliches in Hüllers Gesten und Gesichtszügen. Wohl gerade deshalb inszeniert Nachwuchsregisseur Jan Schomburg immer wieder Szenen, in denen das Schauspiel Hüllers regelrecht ausgestellt wird. Wenn Martha beispielsweise dem neuen Mann an ihrer Seite zeigen will, dass sie auch Zorn in sich trägt. Nur kurz wendet sich Hüller von der Kamera ab, um als Furie wieder herumzufahren. Für Figuren wie Zuschauer ist das zwar nur ein Spiel, zugleich aber der erschreckende Ernst einer Offenbarung vor laufender Kamera, einer der seltenen Kinomomente, die einen durch und durch berühren.
Neu gebaut aus alten Steinen
Schomburg beobachtet erst das Zerbrechen Marthas, um anschließend zu verfolgen, wie sie langsam beginnt, ihr eigenes Leben neu zu konstruieren. Sie versucht Alexander (Georg Friedrich), einen Universitätsprofessor von Paul, an dessen Stelle zu setzen, spielt mit ihm bereits erlebte Situationen durch, schläft mit ihm, als wäre er Paul, gibt Alexander Hemden des Toten. Es ist das Motiv aus Alfred Hitchocks "Vertigo", in dem James Stewart aus Kim Novak das Abbild einer Verstorbenen machen will.
"Über uns das All" ist ebenfalls Thriller und Psychodrama, allerdings weit weniger mystisch. Man kann Schomburg den Vorwurf machen, dass letztlich zu viele bedeutsame Zufälle die Handlung vorantreiben, inszenierte Drehbuchideen, die auf unnatürliche Weise Autor und Skript spüren lassen. Doch wiegt das nicht allzu schwer, wenn es ein junger Regisseur derart versteht, Darsteller auf Filmlänge zum Strahlen zu bringen.
Das müsst ihr sehen: Filme mit Sandra Hüller
1. "Requiem" (2006) – Hans-Christian Schmid erzählt die wahre Geschichte eines Exorzismus. Sandra Hüller spielt Michaela Klinger, ein unsicheres Mädchen, das in ihrem religiösen Umfeld Wahnvorstellungen verfällt. Ein schonungsloser Film, zu gleichen Teilen exakte Psychostudie und Zeitdokument.
2. "Madonnen" (2007) – Hier spielt Hüller eine junge Frau ohne wirklichen Bezug zur menschlichen Gesellschaft. Fünf Kinder hat sie zur Welt gebracht und lebt einfach so vor sich hin. "Madonnen" verweigert sich dem Erzählkino vollkommen und wird vor allem dank Hüllers Präsenz zu einem faszinierenden Experiment.
3. "Der Architekt" (2008) – Auch dieser Film zeigt Hüllers Vorliebe für eigentümliche Filmkost. Josef Bierbichler spielt den Architekten, einen verschlossenen Mann mit vielen Geheimnissen. Seine Familie, allen voran Tochter Reh (Sandra Hüller), scheint am Wesen des Vaters zu zerbrechen.
