Film // Melancholia : Erst der Untergang, dann das Vergnügen
Von Matthias LeitnerTrauriger Trabant frisst Erde auf: Was Regisseur Lars von Trier anpackt, macht er richtig. Deshalb lässt er zu Beginn von "Melancholia" die Welt untergehen. Was danach folgt, ist Hypnose - und ein Denkmal für die eigene Krankheit.
Der Planet "Melancholia" hat Kurs auf die Erde genommen und Regisseur Lars von Trier macht auch kein Geheimnis daraus, was letztlich passiert: Die Welt, wie wir sie kennen, wird ausgelöscht. Schon im Prolog des Films wird sie vom traurigen Trabanten Melancholia geschluckt, mit Haut, Haar und Mensch. Die passende Musikbegleitung für diesen Exodus: Richard Wagners "Tristan und Isolde".
Hochzeit ohne Segen
Danach folgt Teil eins des Films, benannt nach der von Kirsten Dunst gespielten Justine. Diese ist gerade auf dem Weg zu ihrer Hochzeit und sitzt mit ihrem künftigen Ehemann in einer für dänische Landstraßen viel zu großen Stretchlimousine. Justine scheint bester Laune zu sein, doch mit jeder weiteren Filmminute verlieren ihre Augen an Glanz, und es zeigt sich ihr wahres Wesen - das einer manisch-depressiven Zerstörerin.
Justine lässt zwar die Hochzeitsreden ihres kaputten Vaters und ihrer verbitterten Mutter noch über sich ergehen, wenig später aber bricht sie aus dem großbürgerlichen Familienkorsett aus. Sie pinkelt auf den Golfplatz ihres Schwagers und betrügt ihren frisch angetrauten Ehemann mit einem dahergelaufenen Fremden. Über allem hängt drohend der blaue Planet Melancholia am Himmel.
Schwestern ohnegleichen
Charlotte Gainsbourg und Kiefer Sutherland beobachten den Planeten Melancholia
Teil zwei von "Melancholia" ist Justines Schwester Claire gewidmet. Charlotte Gainsbourg spielt sie als ängstliches Rehlein und fürsorgliche Mutter. Während sich in ihrem Haus Justine einquartiert, um in schwerer Depression im Bett zu vegetieren, recherchiert Claire im Internet nach Melancholia. Täglich wird der Planet größer und die Beruhigungen ihres Ehemannes helfen nicht - Claire kauft vorsorglich Schlaftabletten für den Familiensuizid im Ernstfall.
Dagegen erscheint Justine immer gefasster und schöner zu werden, sich immer mehr aus ihrer Depression zu befreien. Ihr eigener, melancholischer Fatalismus ist ihr dabei eine große Hilfe. Zu ihrer Schwester sagt Justine: "Die Erde ist böse. Es gibt keinen Grund ihr nachzutrauern. Niemand wird sie vermissen."
Leiden ohne Ende
Lars von Trier hat lange Jahre selbst unter schweren Depressionen gelitten, wie auch seine Hauptdarstellerin Kirsten Dunst. Filmprojekte wie "Antichrist" waren für von Trier dezidierte Therapieprojekte. Jetzt scheint der Regisseur endlich einen Weg gefunden zu haben, um mit der Krankheit zu leben und mit "Melancholia" setzt er ihr ein filmisches Denkmal. Das Werk ist ein so seltsamer, wie betörender Film, der die größte Stärke seines Regisseurs zeigt: Hypnose. Manchmal wird einem bei "Melancholia" schwindelig, manchmal werden Kopf und Beine schwer, immer aber hat man ein tiefes, beunruhigende Gefühl in der Magenhöhle - und das obwohl man weiß, wie alles enden wird.
Das müsst ihr sehen: Filme von Lars von Trier
1. "Europa" (1991) – Ein Film über das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, der fast vollständig in einem Zug spielt. Lars von Trier wechselt zwischen Schwarz-Weiß und Farbe, zwischen Thriller und Melodram.
2. "Dancer in the Dark" (2000) – Eine Mischung zwischen Dogma-Film und Musical. In der Hauptrolle spielt Björk eine Frau die langsam erblindet und ihrem Sohn dasselbe Schicksal ersparen will. Weil sie dem falschen Menschen ein Geheimnis anvertraut, kommt es zur Tragödie.
3. "Antichrist" (2009) – Lars von Trier konnte wegen einer schweren Depression kaum arbeiten und quälte sich durch den Dreh zu diesem Teufelsstück. Darin wird Charlotte Gainsbourg als leidende Mutter nach dem Tod ihres Kindes zum Leibhaftigen und kämpft gegen ihren Mann.

