Film // Tyrannosaur : Im Land der Dinosaurier
Von Matthias Leitner"Tyrannosaur" ist ein brutaler Schlag ins Gesicht. Regisseur Paddy Considine erspart seinem Publikum nichts und liefert einen Film ab, der zum Überraschendsten und Intensivsten gehört, was es dieses Jahr zu sehen gibt.
Als erstes muss der eigene Hund dran glauben. Nachdem Joseph eine Wette verloren hat, tritt er sein Haustier tot. Regisseur Paddy Considine macht seinen Zuschauern sofort klar, dass in "Tyrannosaur" zu jeder Sekunde Schlimmes passieren kann. Mit seinem Amoklauf ist Joseph auch noch nicht am Ende. Als nächstes schlägt er mit einem Stein ein Schaufenster ein und verprügelt in einem Pub die Stadtjugend von Leeds. Doch kaum zu glauben: Offensichtlich hat auch dieses Ungetüm von Mensch ein Herz. Denn wenig später läuft Joseph weinend in den Trödelladen von Hannah. An diesem Punkt könnte dann eigentlich schon alles überstanden sein, denn Hannah betet für das Seelenheil von Joseph, und für kurze Zeit scheint die Sonne aufzugehen. Doch spätestens als Hannahs erzreligiöser Mann auf seine schlafende Gattin uriniert, ist klar: Es kann alles sogar noch viel, viel schlimmer kommen.
Kompromissloser Selbsthass
Alle Figuren in "Tyrannosaur" scheinen das Leben zu hassen, und das Leben gibt ihnen recht. Denn das grau-graue Proletariermilieu, wie es Regisseur Considine zeichnet, ist eine Endstation. Die Kinder spielen im Dreck, während es die Mütter mit cholerischen Asozialen treiben. Die Ausgestoßenen saufen sich im Pub einen Rausch an und hoffen auf Wettglück. Die Pakistanis werden als Bombenleger verspottet und die Scheiben ihrer Geschäfte eingeschlagen. Der scheinbar perfekte Ehemann, gottesfürchtig bis zum Exzess, schlägt und missbraucht seine Ehefrau. Peter Mullan spielt Joseph mit einer selten gesehenen Intensität, und dass dieser Berserkermensch immer auch sympathisch bleibt, ist alleine seinen hilfesuchenden Blicken der Verzweiflung geschuldet. Hannah dagegen scheint alles Leid und jede Qual mit stoischer Demut hinzunehmen. Doch die Schauspielerin Olivia Colman kann ihre Figur von einer auf die andere Sekunde zerbrechen lassen, nur um wenig später wieder wie eine Heilige über den Dingen zu stehen.
Endstation: Hoffnung
Es ist die Kunst von Regisseur Considine und seinen Schauspielern, den Film in der Schwebe zu halten und jeden Moment drohend mit Intensität zu füllen, um dann schließlich zuzuschlagen: direkt ins Gesicht des Publikums. "Tyrannosaur" mutet einem viel zu. Mehr als einmal muss man von der Leinwand wegschauen, um das ertragen zu können. Dennoch lässt einen "Tyrannosaur" immer wieder hoffen, dass alles doch auch ganz anders sein könnte. Zu jeder Sekunde leidet man mit den Figuren, hofft auf eine Wendung zum Positiven und ist schon über kleine Momente der Menschlichkeit heilfroh.
Dafür gab es auf dem Filmfest München 2011 den CineVision Preis für den besten internationalen Nachwuchsfilm, und auf dem wichtigsten Independent Festival, Robert Redfords Sundance Film Festival, gab es Preise für Considine und beide Hauptdarsteller.
Das müsst ihr sehen: Filme aus der Hoffnungslosigkeit
1. "Kes" (1969) – Der zweite Film von Ken Loach zeigt die alltägliche Tristesse der Arbeiterschicht. Erst als der 14-jährige Billy einen Falken findet und diesen aufzieht, scheint sein Leben einen Sinn zu bekommen. Leider hat das Schicksal andere Pläne mit dem Jungen.
2. "Trainspotting" (1996) – Im schottischen Edinburgh regiert das Heroin. Zumindest im Leben von Mark Renton und seinen süchtigen Freunden. Egal wie absurd und humorvoll Danny Boyle diesen Trip inszeniert, unter der Oberfläche ist "Trainspotting" das Porträt von Menschen ohne Chancen.
3. "Vera Drake" (2004) – England der 50er Jahre: Die Hausfrau Vera Drake kümmert sich aufopfernd um ihre Mitmenschen, ist die gute Seele ihres Viertels. Heimlich führt Vera auch Abtreibungen durch, bis eines Tages bei einer jungen Frau Komplikationen auftreten, und Vera festgenommen wird.
