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Research Chemicals fluten Drogenmarkt Gepanschte Pillen: Gefährlich, billig - und legal

Von Matthias Dachtler

Jede fünfte Partydroge ist mit unerforschten Chemikalien verseucht. Tendenz steigend. Die sogenannten Research Chemicals breiten sich in Europa aus. Sie sind stark, gefährlich - und im Netz so einfach zu bestellen wie eine Pizza.

Bayerns Staatsregierung blockiert Drugchecking - Drogen testen verboten | Bild: BR

Gepanscht und gefährlich: Immer mehr Partydrogen enthalten unerforschte Research Chemicals. Anstatt User zu schützen, stellt Bayerns Staatsregierung auf stur und blockiert ein Drugchecking-Projekt, das in Österreich Leben rettet.

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In Bayern breiten sie sich als Alternative zu Ecstasy, Speed und Kokain unbemerkt aus: Research Chemicals. Konsumenten bestellen die unerforschten und potentiell tödlichen Chemikalien im Internet - als puren Wirkstoff oder gestreckt als "Badesalz". Andere nehmen Research Chemicals, ohne es zu merken. Der Wiener Toxikologe Rainer Schmid sagt, jede fünfte Ectstasy-Pille und jedes fünfte Speed- und Kokain-Tütchen ist mit Research Chemicals verseucht.

Badesalz-Droge im Selbstversuch - "Es war extrem stark" | Bild: BR

Eine Welle neuer synthetischer Drogen breitet sich über das Netz aus. In den USA sollen sich Konsumenten im Rausch die eigene Haut abgezogen haben. Das hat Tom aus München neugierig gemacht.

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Wer Research Chemicals nimmt, macht sich zur Labor-Ratte und riskiert sein Leben. Die Substanzen wurden nie am Mensch getestet, nicht einmal an Ratten. Wirkung, tödliche Dosen, Langzweitwirkung – alles unbekannt. Als Abfall-Produkte aus der Pharma-Forschung werden sie in chinesischen Laboren zusammengepanscht, im Gegensatz zu Ecstasy, Speed und Kokain kann man sie in Deutschland legal kaufen. Einfach deshalb, weil die Behörden mit dem Verbieten nicht nachkommen.

Drugchecking in Wien: auf Rädern gegen schmutzige Pillen

Auf das hohe Risiko einer Überdosis bei Research Chemicals reagiert man in Österreich mit einem mobilen Labor. Chemiker und Drogenberater bieten darin auf Elektro-Festivals und Partys eine anonyme und kostenlose Analyse illegaler Drogen an. "CheckIt" heißt das Projekt. Wer seine Partydroge dort testen lässt, dem sagen die Berater binnen einer halben Stunde, welche Substanzen sie enthält. Hinter "CheckIt" steckt eine Kooperation zwischen der Stadt Wien und der Medizinischen Universität Wien mit dem Ziel, dass Festivalbesucher Partydrogen mit möglichst wenig Risiko konsumieren - oder gepanschte Drogen wegwerfen.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Das blaue Drugchecking-Zelt stehen direkt neben der Tanzwiese auf einem Wiener Elektro-Festival. Darin betreiben die Tester ihr mobiles Labor.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Nach der Labor-Analyse von Drogen-Proben wird jedes Ergebnis auf einer Tafel vor dem Beratungs-Zelt aufgehängt. Jede Probe ein Zettel. Weiß bedeutet: Das Ecstasy war wirklich Ecstasy. Gelb: Da waren noch andere Substanzen drin. Rot: Vorsicht, gefährliche Mischung!

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Immer mehr Partydrogen sind mit Research Chemicals verseucht. Die meisten Konsumenten unterschätzen die Wirkung der unerforschten Chemikalien.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Der gelbe Zettel sagt: Diese Probe wurde zwar als reines Ecstasy gekauft (MDMA ist der klassische Ecstasy-Wirkstoff). Die Probe enthielt allerdings nicht MDMA, sondern einen Mix der beiden Research Chemicals Methylon und 4-MEC.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Dieser Festival-Besucher mit dieser Probe hat statt Kokain einen gepanschten Cocktail aus fünf verschiedenen Stoffen gekauft, darunter das Schmerzmittel Paracetamol und das Research Chemical 4-MEC. Bei roten Zetteln warnen die Drogenberater im Gespräch mit Besuchern an der Ergebnis-Tafel eindringlich davor, den Stoff zu nehmen.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Statt Kokain hat dieser CheckIt-Besucher einen Mix aus dem Betäubungsmittel Lidocain und den Research Chemicals 4-MEC und MDPV gekauft. MDPV gilt als besonders stark und gefährlich.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Auch in dieser Probe war nicht Kokain, sondern das mittlerweile verbotene Research Chemical Mephedron. Hohe Dosierungen markieren die Drogen-Berater zusätzlich mit einem Sticker. Bernd Kreuzer vom LKA Bayern kritisiert, dass Dealer ein CheckIt-Analyse-Ergebnis ihrer Drogen als Qualitäts-Zertifikat nutzen könnten.

Research Chemicals: CheckIt - Check Your Drugs in Wien

Statt dem Speed-Wirkstoff Amphetamin enthielt diese Probe Coffein und das Research Chemical Fluoramphetamin.
Beim Fluoramphetamin haben Chemiker lediglich ein Fluor-Atom an eine ganz bestimmte Position eines Amphetamin-Moleküls gehängt. Damit wirkt es ähnlich stark, ist aber im Gegensatz zu Speed legal. Nebenwirkungen, Langzeitfolgen und tödliche Dosen sind unbekannt.

Drogenpolitik in Bayern: Verbotskeule statt Modellprojekt

Drugchecking in Bayern - "Nichts zu tun ist keine Lösung" | Bild: BR

Konfrontation am on3-Sendebus: Bernd Kreuzer vom LKA Bayern hält Drugchecking für gefährlich. Professor Rainer Schmid aus Wien hält mit seinen Arbeitserfahrungen dagegen. Die bayerische Blockadepolitik nennt er "zynisch".

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Icon_small_video "Nichts zu tun ist keine Lösung" Drugchecking in Bayern Ohne Javascript kannst du dieses Element nicht abspielen!

Die bayerische Staatsregierung ist der Meinung, Drugchecking verharmlose illegale Drogen - und lehnt ein Modellprojekt im Freistaat ab. Das Innenministerium duldet "rechtsfreie Räume" nicht, Markus Söder wollte als Gesundheitsminister "generell vor allen Stoffen warnen und nicht herausfiltern, welche weniger und welche mehr gefährlich sind". Unterstützer finden sich dagegen bei der Opposition im bayerischen Landtag. Die Ärztin und gesundheitspolitische Sprecherin der SPD Kathrin Sonnenholzner hält Drugchecking "als niederschwellige Prävention für eine gute Sache".
Der Landtagsabgeordnete und jugendpolitische Sprecher der Grünen Ludwig Hartmann geht noch einen Schritt weiter. "Die Einführung eines Drugchecking-Modellprojekts in Bayern ist dringend geboten, um Todesfällen durch gepanschte weiche Drogen vorzubeugen", sagt er. Die Drogenpolitik der Staatsregierung nennen die beiden "realitätsfern" und "anachronistisch".

Nichts geht ohne Änderung des Betäubungsmittelgesetzes

Man könnte ein "Drugchecking"-Projekt in Bayern aber auch ohne den Segen von Innen-, Gesundheits- und Justizministern aufziehen. Das geht aber nur, wenn der Bundestag das Betäubungsmittelgesetz ändert. Bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen sieht es allerdings nicht danach aus. Bei der letzten Änderung des Betäubungsmittelgesetzes wurden "Substanzanalysen in Drogenkonsumräumen" bewusst ausgeschlossen.

Einzige Ausnahme: Apotheken

Apotheken sind die einzige Institution in Deutschland, die Drugchecking durchführen darf - ohne Genehmigung oder Gesetzesänderung. Allerdings gilt das nur für die Apotheken-Räume, nicht für mobile Labors. Tatsächlich können alle bayerischen Apotheken den Service anbieten, Suchtmittel-Proben anonym und ohne Polizei zu testen. Diesen Service kennt aber fast niemand. Seit 2008 wurden in Bayerns Apotheken nur 67 Proben abgegeben. Die bayerische Apothekenkammer bewirbt den Service nicht, weil sich die Apotheker nicht als "Drogenberater" sehen. Die Analyse bestimmt alle Inhaltsstoffe, nicht jedoch die Reinheit des Wirkstoffs, damit Dealer das Angebot nicht ausnutzen können. Ein Test kostet 20 Euro.

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