Spielwiese on3-radio : The Next Level
Von Matthias LeitnerDas Jahr der Ernüchterung: Die Games-Branche zeigt sich 2011 als alter Stiefel und geizt mit Visionen. Auf der "Next Level Conference" in Köln überlegt man, wie das anders werden könnte und nimmt die Gaming-Zukunft unter die Lupe.
Spiele-Entwickler, Journalisten und Gamer aus aller Welt treffen sich auf der Next Level Conference in Köln, besuchen Workshops, debattieren auf Panels und spielen. Wenn auf der Gamescom die großen Titel zu Hause sind und jede Messehalle ein Sprungbrett in die Konsumwelt ist, dann ist die Next Level Conference eine Heimat für Nischenpflanzen und radikale Neuerungen: Indie-Games, Serious Games und Experimente stehen im Mittelpunkt. Der richtige Platz also für die Frage: Wie verändert sich die Branche und wie können Spiele die Welt verändern?
Die erste Keynote der Next Level Conference hat Mary Flanagan gehalten, eine der derzeit spannendsten Gestalten der Szene: Flanagan ist Professorin, hat mit "Tilt Factor" eine eigene Spieleschmiede und sieht sich selbst als Aktivistin. In ihrem Buch "Critical Play" fordert Flanagan mehr Mut, mehr Kritik, mehr Revolution. Doch wie können Spiele relevanter werden und tatsächlich die Welt verändern?
Es wird einen Wandel geben – so viel wurde auf der Next Level-Konferenz klar. Indie-Games werden in den nächsten Jahren den Mainstream-Markt dank neuer Gameplay-Mechanismen und neuer Themen verändern. News Games, Not Games und Art Games, das sind die derzeit wichtigsten oder frischesten Genres der Szene.
Die Geschichte der Art Games beginnt 1995, mit einer Modifikation des Ego-Shooters "Doom". Für den Kunstwissenschaftler Stephan Schwingeler, der die Next Level Conference als Berater und Dozent mitgestaltet hat, sind Art Games seither oft aggressive, immer aber innovative Kunstwerke, die die Grenzen der Spielewelt aufbrechen und erweitern.
Kurze spielbare Cartoons, interaktive Karikaturen, gamifizierte Nachrichten – News Games reagieren schnell auf aktuelle Ereignisse. Der 12. September 2001 gilt als Geburtsstunde der News Games, an diesem Tag hat Gonzalo Frasca ein Spiel zum "Krieg gegen den Terror" herausgebracht. Zehn Jahre später steckt das Genre zwar noch immer in den Kinderschuhen, doch Games-Designer und Journalisten wie Marcus Bösch glauben an das Potential der News Games.
Es war ein Studienprojekt und wurde zum ersten wirklich großen deutschen Spieleskandal: In "1378km" kann man im Jahr 1976, dem Jahr mit den meisten Toten an der Grenzmauer der DDR, entweder einen Flüchtling oder einen Grenzposten spielen. Produziert hat das Spiel Jens M. Stober auf Basis des Ego-Shooters "Half Life".
Noch bevor man das Spiel überhaupt spielen konnte, bezeichnete die Bild-Zeitung es in einer Pressekampagne als widerwärtig, und es entbrannte ein Streit um die Frage: Ein Spiel auf Basis eines Ego-Shooters über den Unrechtsstaat der DDR, ist das erlaubt? Das Ziel in "1378km" ist dabei nicht, so viele Menschen wie möglich zu töten. Im Gegenteil: Wer tötet, gewinnt zwar in der DDR seine Orden, wird nach dem Zusammenbruch des Systems aber vor ein ordentliches Gericht der BRD gestellt. Das ist historisch korrekt und hat mit herkömmlichen Killerspielen nichts zu tun. Dennoch wurde Stober wegen Volksverhetzung angezeigt, und erst im Februar 2011 wurden alle juristischen Ermittlungen gegen ihn eingestellt.

