Die Frage on3-radio : Werde ich wie meine Eltern?
Von Christine AuerbachDie gleichen Augen, der gleiche Bauchansatz, der gleiche Hang zum Monolog – manchmal ist man aber auch der gleiche coole Hund… Je älter man wird, desto mehr wird klar: Unsere Eltern haben uns so einiges von ihren Eigenschaften mitgegeben. Die Frage on3-radio beschäftigt sich deshalb mit dem Thema: Werde ich wie meine Eltern?
Bei mir war's ein Foto. Ein Schnappschuss – gemacht von meinem Vater, als er für einen Auftritt bei einem Geburtstag eine kleine Showeinlage geplant hat. Mein Vater schaut in die Kamera mit Hut und Frack und... meinem Gesicht. Klar, wir sahen uns immer ähnlich – aber dieses Lachen, diese Gestik, diese Haltung aufs Foto gebannt: 1:1 – ich. Schluck. Je älter ich werde, desto klarer wird mir: Ich werde immer mehr wie meine Eltern. Und nicht nur ich, auch meine Freunde werden immer mehr wie deren Eltern!
Wo ist die Rebellion hin? Die Abgrenzung? Sagt der in der Pubertät so hart erkämpfte Traum der Individualität adé? Das will ich wissen! Meine Recherchen könnt ihr hier nachverfolgen und im Blog mitdiskutieren.
Station 1: Wirst du wie deine Eltern? Oh ja...
Du bist nicht allein. Selten stimmt das so sehr, wie bei der Frage: Wirst du wie deine Eltern? Was auffällt: Oft fallen einem erst die schlechten Dinge ein, nach kurzem Nachdenken dann die guten.
Station 2: Die Familie auf der Couch
Es war ein bisschen wie die Höhle des Löwen, als ich mich mit Mikro bewaffnet den Freunden meiner Eltern gestellt habe und von ihnen wissen wollte, wem ich denn nun ähnlicher bin. Meiner Mutter oder meinem Vater. Ergebnis: Klar. Wie er. Äußerlich - Innerlich eher die Mama. Ist jetzt keine Neuigkeit für mich, das höre ich seit 29 Jahren. Was aber doch neu war – früher haben mich diese Vergleiche unglaublich genervt. Jetzt fand ich es auf einmal nicht mehr so schlimm, mit meinen Eltern verglichen zu werden. Um herauszufinden, ob das die Auswirkung der Sendung oder die Weisheit des Alters ist, habe ich mit Petra Barchfeld geredet – Entwicklungspsychologin an der LMU in München. Ihre Antwort: Keine Panik. Alles im Lot. Dass man mit Ende 20 das erste Mal so richtig merkt, dass man wird wie seine Eltern, ist normal.
Station 3: Und plötzlich ist man selber Mama
Nochmal anders wird alles, meint die Psychologin, wenn man auf einmal selbst zu Mama und Papa wird. Wie Annette und Sander. Verheiratet, kleine Wohnung, und seit ein paar Wochen Eltern. Während der Kleine gerade vor allem damit beschäftigt ist überhaupt wahrzunehmen, dass es um ihn herum so etwas wie Eltern gibt, ist für sie Zeit für einen Kassensturz: Was will man von der eigenen Erziehung mitgeben, was lieber nicht? Für die beiden ist klar – die Sicherheit, die sie in ihrer Kindheit erlebt haben, ist auch ihnen am wichtigsten.
Station 4: Wenn die Vorbilder fehlen
Cécile Koch hat genau das nicht erlebt, was Annette und Sander ihrem Kind mitgeben wollen: Sicherheit und Regeln. Cécile ist mit einer alkoholkranken Mutter und einem alkoholkranken Stiefvater aufgewachsen, zwischen dreckigen Wäschebergen, Schlägen, überquellenden Aschenbechern und Flaschen. Vorbilder zum Nachahmen waren Mangelware – die Frage war eher: Wie schaffe ich es, mich abzugrenzen?
Heute hat sie selbst eine Familie und arbeitet als Fotografin – der Weg dahin war lang, denn Cécile ist selbst auch erst einmal abgerutscht und war in psychiatrischer Behandlung. Inzwischen leitet sie eine Selbsthilfegruppe für Kinder suchtkranker Eltern und hat über ihre Kindheit ein Buch geschrieben: "Wessen Moral?". Sie hat es geschafft, weiß aber, dass sie auf sich aufpassen muss – seit 14 Jahren trinkt sie zum Beispiel keinen Alkohol.
Station 5: Fußstapfen auf Abwegen
Wie es ist, nicht in einer 08/15 Familie aufzuwachsen, weiß auch Claudia Stamm – wenn auch aus ganz anderer Sicht wie Cécile. Claudia Stamm ist die Tochter von Barbara Stamm und die wiederum ist seit Jahr und Tag bei der CSU und Präsidentin des Bayerischen Landtags. Claudia Stamm ist auch in der Politik - aber bei den Grünen. Seit 2009 sitzt auch Claudia mit im Landtag. Die Mutter in der Regierung, die Tochter in der Opposition, klar, dass da die Öffentlichkeit genau hinschaut. Aber auch früher schon war Claudia immer unter Beobachtung, hat sie mir erzählt – eine zerrissene Hose war da schon schnell mal Stadtgespräch. Mutter Barbara hat dagegen lange gegrübelt, wie sie ihre Tochter jetzt offiziell im Landtag begrüßen soll. Als Mutter oder als Politikerin?
Ihr habt auch eine Frage? Oder aber DEN Hinweis für die aktuelle Frage? Dann habt ihr hier die Möglichkeit, uns eine Mail zu schreiben. Schreibt an diese Adresse: diefrage@on3-radio.de

