Film // Atmen : Mit Luft in den Lungen
Von Matthias LeitnerAls Schauspieler hat Karl Markovics schon alles erreicht. Jetzt hat er erstmals ein eigenes Drehbuch verfilmt: "Atmen". Es ist ein intensiver Film über Schuld und Vertrauen geworden. Das Werk wurde in Cannes gefeiert und jetzt sogar für den Oscar vorgeschlagen.
Atem ist Leben. Solange Luft durch die Lungen strömt, schlägt auch das Herz. Doch wenn die eigene Mutter einen im Kindsbett ersticken wollte, um endlich wieder in Ruhe schlafen zu können, fällt es schwer, den eigenen Atem frei strömen zu lassen und dem Leben zu vertrauen.
Vor fünf Jahren hat der von seiner Mutter ins Heim abgeschobene Roman Kogler (Thomas Schubert) im Streit einen Menschen getötet. Seitdem hockt der mittlerweile 19-Jährige in einer Wiener Jugendvollzugsanstalt. Dann ergibt sich für Roman die Möglichkeit als Freigänger einen Job anzunehmen – gleichzeitig die einzige Chance, wegen guter Führung früher entlassen zu werden. Er beschließt als Bestatter zu arbeiten.
Eine wortkarge Entdeckungsreise
Roman Kogler (Thomas Schubert) nimmt als Freigänger einen Job als Bestatter an.
Sein Regiedebüt inszeniert Schauspieler Karl Markovics, der auch das Drehbuch verfasst hat, als wortkarge Entdeckungsreise. Langsam tastet sich Heimkind und Totschläger Roman Kogler in die Welt. Dabei spricht er kaum, schaut vielmehr mit einem Blick zwischen Trauer, Irritation und Wut auf die Menschen und Orte um ihn. Ob im Schwimmbad der Vollzugsanstalt, in den Bestattungsräumen oder auf dem Friedhof: Roman ist auf der Suche nach seinem Atem, auf der Suche nach Vertrauen. Und schließlich ist er auch auf der Suche nach seiner Mutter, die mit dem Druck ihrer Hände, auf dem Kissen im Gesicht ihres Kindes, dieses Vertrauen geraubt hat.
Stillstand und Routine
Diese Selbst- und Fremdfindung ist naturgemäß kein temporeiches Roadmovie. Markovics entwickelt die intensive Spannung aus der monotonen Lebensroutine seiner Hauptfigur. Die ständigen Kontrollen im Gefängnis, der normierte Knastalltag, die professionell-ritualisierten Handreichungen der Bestatter, sogar Romans impulsive Ausbrüche, wenn er sich wieder einmal eingeengt und atemlos fühlt - Roman bewegt sich im Kreis, ausbrechen ist schwer möglich.
Markovics bändigt die Emotionen seiner Hauptfigur nicht in großen Gesten, sondern mit intensiven Kamerablicken in das Gesicht seines Hauptdarstellers. Denn vor allem hier spielt sich das große Drama von "Atmen" ab.
Das müsst ihr sehen: Filme mit Karl Markovics
1. "Geboren in Absurdistan" (1999) – Kein guter Film, aber mit Markovics ein Hauptdarsteller in Spiellaune. Er gibt einen kleinkarierten Beamten und werdenden Vater, der durch seine Ausländerfeindlichkeit eine kuriose Kinds-Verwechslung auslöst.
2. "Die Fälscher" (2007) – Die Geschichte über KZ-Insassen in Sachsenhausen, die von den Nationalsozialisten zum Geldfälschen gezwungen werden, hat 2008 den Oscar als "Bester ausländischer Film" gewonnen. Neben Markovics glänzen August Diehl und Devid Striesow.
3. "Mahler auf der Couch" (2010) – Markovics spielt Sigmund Freud. Bei dem sitzt plötzlich Komponist Gustav Mahler auf der Couch, um über die Seitensprünge seiner Frau Alma zu sprechen. Eine Psychoanalyse zwischen Komödie, Drama und Künstlerporträt.
