Film // Drive : Das Knistern im Altbekannten
Von Matthias LeitnerRegiepreis in Cannes und angediente Labels von Kultfilm bis Meisterwerk. Das Thrillerdrama „Drive“ wird überschüttet mit Lobhudelei. Und mittendrin steht schon wieder einmal Ryan Gosling, diesmal als wortkarger Fluchtfahrer.
Lichter flirren in Los Angeles: Ampeln schalten von Rot auf Grün, eine Polizeisirene heult auf. Das Blaulicht taucht die Leinwand in unheimliche Kälte. Plötzlich zerschreddern die Rotoren eines Helikopters die Nacht, während ein Suchscheinwerfer die Gegend abtastet. Der Driver (Ryan Gosling) wartet das alles seelenruhig ab. Mal versteckt er sich im Dunkeln, mal rast er mit durchgedrücktem Gaspedal seinen Verfolgern davon. Auf der Rückbank kauern nervös seine Kunden mit Waffen und Geld. Der Auftakt von Nicolas Winding Refns "Drive" setzt den Ton des gesamten Films und zeichnet seine Hauptfigur: kühl, besonnen, dabei aber doch unberechenbar und ekstatisch.
Patchwork aus dem Genre-Baukasten
Zusammengeschraubt ist "Drive" aus einem B-Movie Filmbaukasten und einigen grandiosen Genreklassikern, wie "Bullitt" oder "Fluchtpunkt San Francisco". Das fängt an bei den funktionalen Figurentypen vom Mafioso bis zur Drogenschlampe und setzt sich fort in den fast unvermeidlichen Handlungsmotiven: "die unmögliche Liebe", "der letzte Auftrag", "der hinterhältige Verrat", "die erbarmungslose Rache". Das alles kulminiert schließlich im Showdown, bei dem der Driver zunächst diejenigen zur Rechenschaft zieht, die mit ihm ein falsches Spiel gespielt haben, um dann doch noch seine Liebe zu retten. Nichts an "Drive" ist also neu oder irgendwie überraschend, doch Refn inszeniert geschickt an allen Klischees vorbei.
Das Knistern im Altbekannten
Der Driver (Ryan Gosling) verliebt sich in die alleinerziehende Mutter Irene (Carey Mulligan).
Allein die unzugängliche Figur des Drivers, der stoisch durchs Leben geht, um in Sekundenbruchteilen zum Killer zu werden, wenn es denn sein muss, erinnert an Actionhelden wie Steve McQueen oder Charles Bronson. Doch Goslings Präsenz ist eine eigentümlich-irritierende und die Art wie Refn den wortkargen Mann durch die Stadt streifen lässt ebenso hypnotisierend. Es ist die Stille, das Flirren der Lichter zwischen Zeitlupen, plötzlicher Gewalteruption und beredtem Schweigen, das "Drive" so faszinierend macht – es ist das unerwartete Knistern im Altbekannten.
Das müsst ihr sehen: Adrenalinschub bei quietschenden Reifen
1. "Bullitt" (1968) – Steve McQueen und Autos, das war schon immer eine besondere Beziehung. In "Bullitt" konnte der passionierte Rennfahrer seine Leidenschaft perfekt ausleben. Noch heute sind die von Peter Yates inszenierten Verfolgungsjagden des Thrillers ohne Konkurrenz.
2. "Fluchtpunkt San Francisco" (1971) – Von Denver nach San Francisco in nur 15 Stunden. Der Fahrer Kowalski wettet, dass er das schafft, schluckt Amphetamine und fährt los. Schon bald ist ihm die Polizei auf der Spur und die Fahrt wird zum tödlichen Rennen. Vielzitierter Klassiker, bei dem sich auch Clint Eastwood und Quentin Tarantino schon bedient haben.
3. "Driver" (1978) – Eigentlich hätte Steve McQueen den wortkargen Driver spielen sollen, letztlich wurde es Ryan O`Neal und der hetzt gekonnt durch die Straßen von Los Angeles. Regisseur Walter Hill war seinerzeit auch Regieassistent bei "Bullitt" und zeigt hier im Gewand eines modernen Film Noir, was er damals alles gelernt hat.
