Selbstmordwarnsystem bei Facebook : Lebensretter oder Privatsphäre-Gau?
Von Juliane Frisse10.000 Menschen – so viele nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Das sind mehr, als durch Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammengenommen sterben. Jeder Einzelne ist einer zu viel. Das findet auch Facebook.
Bei Facebook gibt es eine Funktion, die von den Medien gerne schmissig als "Suizidbutton" bezeichnet wird. Tatsächlich handelt es sich um ein Formular, gut versteckt im Hilfemenü des Netzwerks. Wenn man nach dem Posting eines Facebook-Freundes befürchtet, dass er sich etwas antun könnte, dann kann man ihn über dieses Formular als selbstmordgefährdet melden. Der Freund bekommt dann eine Nachricht, in der er aufgefordert wird, sich Hilfe zu holen. Mit dabei: Die Nummer von der Telefonseelsorge. Die Hoffnung: Die eigenen Freunde und Facebook könnten so gemeinsam Leben retten.
Soziale Netzwerke können Leben retten
Erstmal eine gute Idee, findet Online-Seelsorger Uwe Holschuh: "Grundsätzlich glaube ich schon, dass es wichtig ist, dass Menschen in einer Suizidsituation oder mit Suizidgedanken daraufhingewiesen werden, was es für Möglichkeiten gibt. Wir haben ja eigentlich ein ziemlich gutes soziales Netz und ich fände es schade, wenn ein Jugendlicher davon nichts weiß."
Denkbar wäre auch, dass durch die Aufforderung die Hemmschwelle sinkt, sich Hilfe zu holen. Wenn Facebook jetzt zum Lebensretter mutiert, wäre das also nicht endlich einmal eine begrüßenswerte neue Funktion des Netzwerks? Wenn sie denn gut umgesetzt wäre, ja. Aber man überlegt sich wohl zwei Mal, ob man einen Freund meldet, sobald man das Formular liest. Denn es ist nicht ganz klar, was die Meldung für den Betroffenen für Konsequenzen hätte. Dort heißt es: "Falls du eine direkte Selbstmorddrohung auf Facebook siehst, informiere bitte umgehend die Strafverfolgungsbehörden oder eine Selbstmordhotline."
Passende Werbung zur Lebenskrise?
Anderseits gibt es auch Skeptiker, wie Marit Hansen, die stellvertretende Datenschutzbeauftragte von Schleswig –Holstein. Sie gehört zu den profiliertesten Facebook-Kritikern hierzulande und moniert, dass – wieder einmal – nicht klar transparent wird, ob Facebook diese Daten speichert und wie das Netzwerk sie möglicherweise verwertet. Marit Hansen hat da schon sehr konkrete Befürchtungen, wie Facebook die sensible Information verwerten könnte: Es sei denkbar, "dass Facebook genau für diejenigen, die in einer Lebenskrise stecken, entsprechende Werbung schaltet oder auch entsprechende Werbung nicht schaltet. Also etwa keine Lebensversicherungen bewirbt bei Leuten, die in einer Lebenskrise sind."
Facebook zeigt keine Reaktion
Facebook gibt sich wie gewohnt verschlossen. Wenn man bei der deutschen Pressestelle von Facebook anfragt, was gespeichert wird und wie lange, wenn ein Nutzer einen Suizidverdachtsfall meldet: Keine Reaktion. Oder wenn man wissen will, welche Erfahrungen das Netzwerk mit der Funktion in Nordamerika gemacht hat, wo es sie schon länger gibt: Facebook schweigt. Während wir alle also immer transparenter für Facebook werden, von den Bands, die wir mögen, bis zu den Lebenskrisen, in die wir geraten, wissen wir immer weniger, was sich Facebook von uns merkt. Sollte man sich also Sorgen machen, dass ein Facebook-Freund ernste Probleme hat: Statt ihn bei Facebook zu melden, wäre es vielleicht besser, ihn selbst direkt anzusprechen. Die Nummer von der Telefonseelsorge kann man ihm ja auch selbst geben. Außerdem gibt es noch viele andere Anlaufstellen.

