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European Song Contest in Baku Zwangsenteignung und Folter für die Show

Von Klaus Uhrig

Von Düsseldorf nach Baku: Der Eurovision Song Contest findet 2012 in der Hauptstadt Aserbaidschans statt. Zur Vorfreude aufs Finale hagelt es aber auch Kritik, denn mit den Menschenrechten nimmt es die Regierung nicht so genau.

Demo in Aserbaidschan

Baku bereitet sich auf den Eurovision Song Contest vor. Mit der Veranstaltung will die Regierung die ehemalige Sowjetrepublik als modernes Land verkaufen: westlich, europäisch, fortschrittlich. Daher wird die High Society täglich auf Eurovisions-Parties in Paläste am Stadtrand geladen.

Am Stadtrand deshalb, weil im Zentrum gerade unangemeldet und illegal Häuser abgerissen werden. Häuser, wie das der Menschenrechtskämpferin Leyla Yunus. Zehn Stunden nachdem die New York Times über ihre regierungskritische Arbeit berichtet, rollen die Bagger an - Yunus ist zu der Zeit im Ausland. Eine Entschädigung für das Haus gab es bis heute nicht.

Aserbaidschan

"Ich möchte, dass Sie wissen, dass der 'Eurovision Song Contest' nichts ist, was den Menschen in Aserbaidschan Freude bringt", sagt Yunus. "Er hat neue Tragödien gebracht. Was soll das für ein Eurovisions-Konzert werden - in einem Land, wo es Folter gibt, politische Gefangene? Keine freien Wahlen, keine Versammlungsfreiheit, keine Meinungsfreiheit, nichts!"

Menschenrechtler dokumentieren die Abbrüche heimlich, im Internet, denn Präsident Ilham Aliyev lässt keine Opposition zu. Objektive, freie Presse gibt es nicht, die wenigen Oppositions-Zeitungen haben nur sehr kleine Auflagen – und sind ebenso ideologisch gefärbt wie die Staatsmedien. Radio und Fernsehen werden vom Staat kontrolliert, ausländische Sender wie der BBC World Service wurden letztes Jahr von der Regierung abgeschaltet. Nur wenige trauen sich, die Missstände im Land anzusprechen. Wie beim arabischen Frühling sind Handyvideos und Internetblogs das wichtigste Mittel für eine freie Berichterstattung.

Was im Weg steht, wird abgerissen

In den letzten Jahren hat Baku sich rasant verändert. Ein Bauboom finanziert durch Ölmilliarden. 800 neue Hochhäuser mit Immobilienpreisen wie in London oder New York. Kurz vor dem Wettbewerb muss alles noch schneller gehen.

Aserbaidschan

Was im Weg steht, kommt weg. Wer Geld hat, kann bauen - wo und wann er will. Momentan kann sich niemand sicher sein, dass nicht einfach sein Haus abgerissen wird. Allein für die Crystal Hall, die neue Song-Contest-Halle, werden gerade blockweise Wohnhäuser abgerissen. 20.000 Menschen, sagen Oppositionelle, haben im letzten Jahr in Baku so ihre Wohnungen verloren. Illegal, gedeckt von einer korrupten Stadtregierung. In der ganzen Stadt entstehen riesige Wolkenkratzer, bald vielleicht sogar das höchste Gebäude der Welt. Und das, obwohl die Infrastruktur fast überall kaputt ist, keine Müllabfuhr fährt und es oft nicht mal fließendes Wasser gibt.

Der arabische Frühling bleibt klein

Frühjahr 2011 - ein kurzes Aufbäumen. Inspiriert vom "arabischen Frühling" gehen die Bürger von Baku auf die Straße. Sie protestieren gegen Korruption und Willkürherrschaft und für mehr Meinungsfreiheit.

Aserbaidschan

Der Obrigkeitsstaat greift hart durch. Bei manchen Demonstrationen sind mehr Polizisten als Demonstranten - und die schlagen hart zu. Aufständischee und Journalisten werden verprügelt, verhaftet und gefoltert. Die Proteste sind innerhalb kürzester Zeit vorbei - das Ende der Protestbewegung. Zum Jahresende gibt es immerhin für einige Gefangene eine Amnestie.

Sing For Democracy

Weil Radio und Fernsehen in Aserbaidschan vom Staat kontrolliert werden, betreiben junge Journalisten einen Internet-Fernsehsender. Mit einfachsten Mitteln, immer von der Schließung bedroht. Die jungen Oppositionellen sind aber nicht nur verzweifelt, manche freuen sich auch über den Song Contest: Die Aufmerksamkeit wollen sie für ihre Ziele nutzen. "Wir planen gerade ein eigenes Festival: 'Sing for Democracy'", sagt Huseynov. "In Aserbaidschan gibt es zwar keine Versammlungsfreiheit, aber wir wollen es trotzdem versuchen. Wir wollen kurz vor dem Eurovision Song Contest ein großes Open Air veranstalten. Dazu laden wir Künstler aus allen Nachbarländern ein. Sie sollen Lieder über die Demokratie singen - Lieder über Menschenrechte." Noch ist aber unklar, ob "Sing For Democracy" überhaupt statt finden kann.

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