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02.07.2009 Permalink Weiterempfehlen

Reaktionär oder visionär? Die Rückkehr des Samplings

Im HipHop und in der elektronischen Musik wird wieder gesampelt, was das Zeug hält. Laaangweilig, sagen die einen. Die Rettung, jubeln die anderen.

Akai Professional

Die letzten Jahre hat HipHop aus Deutschland vor allem so geklungen: brachiale Synthies, harte Drums, unterkühlte Soundästhetik. 2009 dann der letztendliche Schwenk zum Tech-Rap à la Deichkind und den Dub-Step-Beats eines Marsimoto. Die Zielrichtung von HipHop aus Deutschland schien klar: Elektronik ist das Zauberwort. Was, wenn nicht das können die Deutschen sowieso am Besten. Schließlich haben Kraftwerk die elektronische Musik erfunden. Beats aus gesampelten Loops von alten Platten, jahrzehntelang DER HipHop-Soundentwurf, sind endgültig ein Fall für die Mottenkiste. Manche sagen, HipHop habe sich endlich von seinen Wurzeln emanzipiert und sei freier geworden.

Nicht nur HipHop sampelt

Sampling ist auch im House tief verwurzelt. Der Legende nach ist es sogar schuld daran, dass das Genre überhaupt entstehen konnte. Zuerst waren da DJs wie Frankie Knuckles oder Larry Levan, die erkannten, dass man den Club ruckzuck im Griff hat, wenn man die Drumparts bestimmter Disco-Songs immer und immer wieder vervielfacht. Dieser eine euphorisierende Moment konnte dadurch extrem in die Länge gezogen werden, und das brachte die Leute im Club zum Ausrasten. So wurden DJs langsam aber sicher zu eigenständigen Künstlern. Und anstatt ein kleines Stück in einem Lied zu verändern wurde dieses kleine Fitzelchen bald zum Ausgangspunkt für einen komplett neuen Track. Ein Genre war geboren: House!

Es menschelt wieder!

Und House war groß! House is a feeling! House is a spiritual thing! Um nur einige der Plattitüden zu nennen, an denen House letztendlich wohl auch gescheitert ist. Irgendwann nämlich schien alles abgegrast, jedes Sample fünfmal verwendet – statt weiterhin obskure Platten nach Samplematerial zu durchforsten war Selbermachen plötzlich das Ding. Auf einmal kam House nur noch aus dem Synthesizer. Bezeichnenderweise klang plötzlich jedoch alles synthetisch, nicht organisch – künstlich, nicht echt!
Eine Zeitlang ging das gut und dann kam der große Crash! Auf einmal ist der eine Track wieder wie der andere und was wird aus der Schublade geholt? Richtig! Samples. Auf einmal sind sie wieder da. Wortfetzen, Melodieteilchen, Drumloops! Und siehe da: Es menschelt wieder im House. Der Beat holpert manchmal nicht hundertprozentig gerade und irgendwo eiert eine uralte Gesangsspur. Das klingt frisch und echt.

Return of the Boom-Bap

Und das lässt sich auch auf den HipHop übertragen. Bei den wegweisenden Alben von 2009, sieht die Sache ähnlich aus: Ein gesampeltes Loop, von irgendwelchen alten Platten genommen, darauf ein paar dreckige Drums und fertig ist der Deutsch-HipHop-Sound 2009. Kamp & Whizz Vienna haben es gemacht, Fiva hat es gemacht, Huss & Hodn haben es gemacht und jüngst wieder Hiob & Dilemma.

Sampling ja, revolutionär nein

Viele sagen, gesampelter HipHop ist retro und durch. Die übersehen aber vollkommen, dass jetzt eine neue Herangehensweise am Start ist. Zum Beispiel werden ganz andere Musikstile verwurstet, wie auf dem Album "Apokalypse Jetzt" von Hiob & Dilemma: Die nehmen Sounds von italienischen Zombiefilmen. Oder die Samples werden anders gespielt, wie im Fall von Huss & Hodn. Die Beats wirken hingeschludert und hinken oft dem Takt hinterher. Die Amerikaner J Dilla, MF Doom oder Madlib sind da sicher Vorreiter. Aber plötzlich ist dieses HipHop-Hinterhof-Feeling, der Undergroundjam-Flavor und die eingeschworene Subkultur-Attitüde wieder da. Das ist dem Hochglanz Strassengeschrei der letzten Jahre abgegangen.