So vielschichtig und komplex sich das Phänomen Punk seit dessen Anfängen in den späten 70ern auch entwickelt hat: Es gibt trotzdem zahlreiche Motive, die sich seither in der Punkszene und in artverwandten Subkulturen gehalten haben. Ein solches Motiv ist zum Beispiel die bewusste Abgrenzung von jeglicher Form der Hippiekultur. Man denke an Punkbands wie die Dead Kennedys oder an Postpunk à la Gang of Four oder Minutemen: Kurze, prägnante Songs, politische Texte und ein radikales Auftreten sind nur einige dieser plakativen Posen gegen das Hippietum.
Weg mit dem Spießertum der Indie-Dogmatiker
Aber bitte mit Blumen.
Ein weiteres Merkmal von Punk ist natürlich aber auch das Brechen mit Traditionen. Das war zum Beispiel Mitte der 70er der Gegenentwurf zur verwässerten Hippiekultur und des aufblühenden Stadionrock, der nach Auffassung der damaligen Punks mehr leere Form als Inhalt transportierte.
Besonders interessant wird es an der Stelle, wo sich Traditionsbrüche im Punk gegen szeneinterne Muster richten. Hier entsteht oft eine Dynamik, die das Potential der Weiterentwicklung einer Subkultur in sich trägt. Da wäre zum Beispiel die Hardcoreband Minor Threat aus Washington, die Vegetarismus und Anti-Alkoholismus als Statements gegen enge Szenevorgaben propagierten. Oder die Hamburger Punk-Urgesteine Die Goldenen Zitronen, die sich als Hippies verkleideten, um die ungeschriebenen Dogmen der damaligen Hamburger Szene zu durchbrechen. Speziell das Pro-Hippietum stellt nun natürlich eine der Grundideen von Punk radikal in Frage. Ein Bruch mit dem Bruch also, eine 360-Grad-Wendung.
Im 60s-Soundkorsett mit Ausreißern
Die Band Girls aus San Francisco begeht mit ihrem ersten Longplayer namens "Album" genau so eine 360-Grad-Wendung. Sänger Christopher Owens hat seine musikalischen Ursprünge in der Punkszene Amarillos in Texas. Später zieht er nach San Fransisco und kommt dort mit der lokalen Lo-Fi- und Art-Punk-Musikszene in Kontakt.
Vor allem Ariel Pink und Holy Shit waren für ihn eine wichtige Inspiration. "I wouldn't have got into writing music at all if I hadn't played with Holy Shit - watching them play was like a lightbulb going off", wird er im Girls-Bandinfo zitiert.
Das aktuelle Album.
Nun sind im Grunde die Songs auf "Album" schlichte Songwriter-Songs zwischen Folkpop und Rock'n'Roll, die sich durchweg an klassische Songstrukturen halten. Interessant wird es bei Arrangement und Produktion. Die Platte bewegt sich in einem Late-60s-Soundkorsett, das hier mal einen Ausreißer in Richtung Surfpop à la Beach Boys und dort mal in Richtung 80s-Shoegaze wagt. Allen Songs gemein ist eine durch Sound und Instrumentierung bunt und kreativ umgesetzte Hippieästhetik. Konsequenterweise ist das auch auf die Bandfotos, das Album-Artwork und die Website übertragen. Ein von Post-Punks sorgfältig inszenierter Hippiesound und Style. Der Bruch mit dem Bruch, die 360-Grad-Wendung also.
Keine neue Hippie-Bewegung

Bild: portugaltheman
Portugal The Man
Und mit dieser Wendung sind die Girls nicht mal alleine. Bands wie MGMT, Fleet Foxes oder Portugal The Man schlagen schon länger mit vergleichbarem Post-Punk-Kontext ähnliche Ästhetiken ein. Martin Büsser schreibt in der Intro-Ausgabe vom November 2008:
"[Die neuen Hippies] reanimieren den Sound der Sixties mit dem Wissen um Punk und dem Wissen darum, dass sich eine Ära nicht einfach wiederholen lässt." Eine neue Hippie-Bewegung pünktlich zum 40. Geburtstag von Woodstock? Nicht wirklich. Eher thematisieren die neuen Hippies die Orientierungslosigkeit einer Generation, "der es nicht mehr möglich ist, so etwas wie eine geschlossene Gegenbewegung aufbauen zu können."
Doch zurück zu den Girls: Das Duo hat zusätzlich zu ihrer Punksozialisation eine persönliche Vergangenheit, die ihre Hippie-Schiene ziemlich glaubhaft macht. Sänger Christopher Owens war von klein auf Mitglied in der christlichen Hippie-Sekte Children Of God, von der er sich erst mit 16 wieder löste. Er selbst sagt, dass die Girls nach wie vor einen großen Teil ihrer Spiritualität aus dieser Zeit schöpfen, auch wenn sie sich selbst keinesfalls als religiös verstehen.
Inszenierte Hippie-Ästhetik, die keine ist

Bild: TURNSTILE/TRUE PANTHER
Ausnahmsweise mal in schwarz weiß.
Zusätzlich passt es für eine Hippie-Band ja sowieso wie die Faust aufs Auge, aus der Flower-Power-Metropole San Fransisco zu kommen. Klar, stereotyp, aber treffend. "Ultimately San Francisco washes over this music", steht in der Bandinfo. Was auch textlich voll hinkommt. Einfache, direkte Zeilen um die Themen Herzbruch und Begehren dominieren das Album. "Sometimes the best way is to have simple lyrics", sagt Christopher. Wenn man ihn voller Selbstironie die schwermütige Zeile "I'm sick and tired of the way that I feel / I'm alway dreaming and it's never for real", singen hört, muss man ihm da tatsächlich zustimmen.
Vielleicht ist die kalifornische Band Girls gerade deshalb so interessant, weil sie durchgängig eine Hippie-Ästhetik inszeniert, die aber an keiner Stelle überhaupt inszeniert wirkt. Ein gewagtes Ding. Aber die Rechnung geht auf.
