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10.10.2009 Permalink Weiterempfehlen
Die Goldenen Zitronen

Es ist immer die gleiche Frage, die sich stellt, wenn Die Goldenen Zitronen ein neues Album veröffentlichen, schon seit fast 20 Jahren: Ist das noch Punk? Ist das nicht elektronische Experimentalmusik, Dada-Lyrik mit Geräuschen? Was ist eigentlich Punk? Ein Musikstil? Eine Geisteshaltung? Und schon hat man den Salat: Schon hat man nicht eine Frage, sondern ein halbes Dutzend. Und keine Antworten. Weil es keine gibt. Und weil es vielleicht auch keine braucht.

Das System "Die Goldenen Zitronen" kennt keine Grenzen. Seit das Funpunk-Korsett der Anfangstage in tausend Stücke zerschlagen ist, ist das Hamburger Kreativkollektiv um Schorsch Kamerun und Ted Gaier nicht mehr stillgestanden. Mit dem Album "Die Entstehung der Nacht" bleibt alles wie immer, also nichts beim Alten: Die Goldenen Zitronen verweigern sich einfachen Lösungen und spinnen weiter an einer Avantgardemusik, die sich weder um Popregeln noch um Szenetraditionen schert.

Krautrock als neuer Taktgeber

Auf ihrem zehnten Studioalbum bringen Die Goldenen Zitronen wieder alles durcheinander: Noisige Gitarren, präparierte Klaviere, Bongos, Flöten und jede Menge elektronische Gerätschaften.

Der Krautrock gibt die rhythmische Motorik vor, die von einer brodelnden, fiependen, splitternden Geräuschkulisse gegen den Strich gebürstet wird. Die Musik auf "Die Entstehung der Nacht" ist hochgradig komplex, ohne je verschwurbelt, verkopft oder hochtrabend zu werden.

Die Krise als Status-Quo-Verstärker

Die Goldenen Zitronen

Audio-Opposition: "Die Entstehung der Nacht"

Man kann sich natürlich nicht mit den Goldenen Zitronen befassen, ohne über Schorsch Kameruns Texte zu sprechen. Der notorische Sprachzerleger ist wie immer wenig zimperlich und dichtet sich in Schlangenlinien durch den Stand der Dinge in der Deadschool Deutschland. Es geht um die Krise als Status-Quo-Verstärker, es geht um Jörg Haider, es geht um Silbermonds Sehnsucht nach Beständigkeit und um den Flötisten an den Toren der Dämmerung. Jeder Gedanke ist doppelt und dreifach verspult zu einem Bandwurmtraktat ohne Punkt und Komma. Und die Zitronen machen dazu Musik, die die Dissonanzen in der Welt da draußen akustisch widerspiegelt.

Radikal, widerborstig und von vorn bis hinten brillant: Eine Platte voll subversivem Witz und schonungsloser Genauigkeit. Keine Platte, mit der man einen Sektempfang beschallt. Die Goldenen Zitronen sind auch 2009 der Stachel im Fleisch der selbstgefälligen bürgerlichen Bräsigkeit. Einer muss den Job ja machen.