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15.12.2009 Permalink Weiterempfehlen

1. The XX – Crystalised

The XX

"Crystalised" schleicht sich ganz leise an. Was für ein geheimnisvoller, fesselnder Song: Er klingt wie ein Nachtspaziergang durch eine verlassene Stadt, bei dem man nur durch ein paar Hausfenster Licht sieht – eiskalt und warm gleichzeitig, unheimlich, aber doch faszinierend. Als "Crystalised" im April auftauchte, rätselte man über die Einflüsse der neuen Band aus London. Hörte man da die frühen The Cure heraus? Massive Attack? Oder gar Chris Isaak? Wer oder was auch immer da spukt – "Crystalised" ist ein Hier-und-Jetzt-Song, der so noch nie gehört war. Was übrigens auch für alle anderen Stücke auf dem schwarzen Album mit dem großen weißen X gilt, das im August nachgekommen ist. Wie gelang es vier eben mal 20-Jährigen, mit so wenig Gitarre und Bass, ein paar spärlichen Beats und Synthies und einer Jungen- und einer Mädchenstimme diese Gänsehaut heraufzubeschwören? Man rätselt, man wundert sich – und das ist gut so: Es ist genau dieses Geheimnis, das den Sound von The XX so außergewöhnlich macht.

2. Schlachthofbronx – Schorschl Take 3

Die Münchner Schlachthofbronx bei der Arbeit

Diplo und Switch haben den Weg geebnet: Sie produzierten mit M.I.A. und Santigold großartige Alben und erfanden mit dem sogenannten "Global Pop" gleichzeitig eine neue Stilrichtung. Rhythmen aus Afrika treffen auf nordeuropäische Synthies, Balkan-Hard-Bop auf sanfte Pop-Melodien, brasilianische Rapper auf niederbayerische Volksmusiker. Keine Schubladen, keine Konventionen – Hauptsache tanzbar. Und nun kommt ausgerechnet aus München eine der innovativsten Bands dieses Genres: Schlachthofbronx eroberten erst die Blogs, dann die Clubs. Ihre Version des "Global Pop", die sie selbst in völligem Understatement einfach "Munich Bass" nennen, spielen sie inzwischen weltweit. Das Highlight ihres Debüt-Albums von 2009: "Schorschl Take 3", ein in seine Einzelteile zerlegter und dann neu zusammengesetzter bayerischer Landler auf dicken Basslines und afrikanischen Kuduro-Beats. So einfach wie genial.

3. Mumford & Sons – Little Lion Man

Mumford & Sons

Wer hätte gedacht, dass dieser Haufen Hippies das Zeug dazu hat, eine der Bands des Jahres zu werden? Ein dicklicher Junge mit Knacks in der Stimme und ein Rudel frühreifer Musiker, die sich als seine Söhne ausgeben? Aber – warum eigentlich nicht? Die Folksongs von Mumford & Sons waren unzeitgemäß und die Bandbesetzung mit Kontrabass, Banjos, Mandolinen und an den Beinen festgeschnallten Tamburinen ungewöhnlich. Ihr größter Song "Little Lion Man" konnte einen wohlbehalten durch alle Aufs und Abs des Jahres 2009 begleiten – und hat am Ende nichts von seinem Glanz verloren.

4. Phoenix – 1901

Phoenix

"1901" galoppiert los, bremst wieder ab, schlägt ein Rad oder zwei und spaziert dann zum Refrain mit breiter Brust durch den Arc de Triomphe. Der Hit – und ja, es ist ein verdammter Hit – hat seinen Teil dazu beigetragen, das zugehörige Album "Wolfgang Amadeus Phoenix" zu einem Meisterstück der aktuellen französischen Popmusik zu machen. Für Song und Album gilt: unverschämt clever, bei aller Vertracktheit aber auch erstaunlich leichtfüßig. Très bien!

5. Andrew Bird – Oh No

Foto von Singer-Songwriter Andrew Bird

Einer der größten Ohrwürmer 2009 kommt aus Illinois. Mit Violine, beherztem Whisteling und einem Händchen für große Melodien hat der Singer/Songwriter und Multiinstrumentalist aus Chicago seinen Weg zum optimistischen, mitreißenden Folk-Pop gefunden. Sein fünftes – und zu Recht hoch gelobtes – Soloalbum "Noble Beast" schaffte es auf den ersten Platz der Billboard-Independent-Album-Charts und der Opener "Oh No" ganz klar in die Hitlisten 2009.

6. Dizzee Rascal – Bonkers

Dylan Mills alias Dizzee Rascal

"To go bonkers" (engl. für ausrasten, verrückt werden, durchdrehen): Beinahe reicht ein Lexikon, um den Track von Grime-Begründer Dizzee Rascal zu beschreiben. Es ist ein dreifaches Ausrasten, das dieses Ungetüm so gefährlich macht: Dizzee wandelt mit seiner Vokalakrobatik am Rande des Wahnsinns, die Songstruktur widerspricht jeglicher "Hit"-Konvention und die Produktion des New Yorker Vocal-House-Prolls Armand van Helden ist völlig over the top. Um die Beschreibung mit einem vollkommen passenden Zitat der vollkommen unpassenden Spice Girls abzuschließen: "Too much is never enough!"

7. La Roux – Bulletproof

Londoner Newcomer La Roux - Elly Jackson

An dieser jungen Frau kam dieses Jahr niemand vorbei. Elly Jackson, gerade mal 20 Jahre alt, hat es mit ihrem Produzent Ben Langmaid geschafft, in den Mainstreamradios dieser Welt zu landen – ohne sich dabei ihren Ruf in der Indiegemeinde zu verderben. Mit ihrer roten Tolle und den kaugummiartigen, leicht kitschigen Elektropop-Songs, die so knallbunt wie die 80er angestrichen waren, hat die Londonerin genau den Zeitgeist getroffen. Ihre erste Single "Bulletproof" gehört zu den meistgespielten Songs des Jahres 2009. Und anders als bei vielen Hotrotation-Titeln, klingt dieser Song auch beim 1.000sten Durchlauf noch frisch.

8. Grizzly Bear – Two Weeks

Grizzly Bear

Die Zeiten ändern sich: Grizzly Bear in der Autowerbung? Vor zwei Jahren war das noch kaum vorstellbar. Zeit ihres Bestehens standen die New Yorker für anspruchvollste Popmusik. Ihre Konzerte waren nichts für melodieverliebte Hookline-Touristen, sondern eher eine ganzheitlich-musikalische Erfahrung. Wenn also eine solche Band plötzlich mit einem fantastischen Song wie diesem in der Werbung einer großen Automarke vertreten ist, J-Lo und Jay-Z die Webetrommel für sie rühren, wenn diese Band mit ihrem neuen Album dann auch noch die amerikanischen Top 10 knackt und sich darüber nicht mal die üblichen Verdächtigen aufregen – dann ist wahrlich ein neues Zeitalter angebrochen. Und solange die Qualität ihrer Musik darunter nicht leidet, sei ihnen die Aufmerksamkeit des Mainstreams gegönnt. More power to Grizzly Bear!

9. Ja, Panik – Alles hin, hin, hin

Ja Panik

"Alles hin, hin, hin" war die erste Single aus dem dritten Ja, Panik-Album, das im September 2009 erschienen ist. Und wieder mal dreht sich – selbstverständlich nur oberflächlich betrachtet – alles ums Geld: Nach "The Taste And The Money" (2008), das mit der herrlich eskalierenden Single "Marathon" für Aufruhr sorgte, kam nun ihr zweites Album in dieser Serie: "The Angst And The Money". Die Moses-Schneider-Produktion klingt hier zwar glatter als der Vorgänger, textlich zieht Spechtl die Schlinge aber enger. Er klaut, kombiniert und minimalisiert hemmungsloser als je zuvor und beweist in Songs wie diesem, dass ihm, was das sprachliche Geschick angeht, derzeit kaum jemand das Wasser reichen kann.

10. Major Lazer – Hold The Line

Die Musikproduzenten Diplo und Switch machen gemeinsam Musik unter dem Namen Major Lazer.

Die beiden Produzenten Diplo und Switch (M.I.A., Santigold, u.a.) können gerade nichts falsch machen. Ihre Produktionen waren bereits das Maß aller Dinge in der internationalen Clubkultur, bevor sie mit dem Projekt Major Lazer 2009 erstmals in großem Stil gemeinsame Sache gemacht haben. Das Album "Gunz Don’t Kill People, Lazers Do" war ein einziger manischer Ritt durch die Genres der Black Music und hat gleich mehrere höchst unkonventionelle Hits abgeworfen. Der unwiderstehlichste war "Hold The Line", eine hysterische Soundcollage aus Juchzern, Pferdewiehern, Scherbengeklirre und einer amoklaufenden Nähmaschinengitarre. Bitte nächstes Jahr mehr davon!

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