Film // Micmacs : Aufstand der Fantasten
Nach Amélie schickt Regisseur Jeunet den Eigenbrötler Bazil durch eine skurrile Bilderwelt. Der sucht nicht die große Liebe, sondern hat eine Kugel im Kopf und sinnt mit einer Horde von Freaks auf Rache an der Waffenindustrie.
Bazil (Danny Boon) ist alles andere als ein Glückskind. Sein Vater tritt 1979 im Krieg von Algerien auf eine Landmine und wird in Stücke gerissen. Seine Mutter wird daraufhin verrückt und Bazil muss ins Heim. Dort ergeht es ihm schlecht, doch er kann fliehen und schlägt sich alleine durch Paris. Als Videothekar hat der scheue und ein bisschen autistische Bazil nun seine Bestimmung gefunden. Hier kann er der Realität entfliehen und in fremde Filmwelten eintauchen. Leider währt sein Glück nicht lange. Vor Bazils Videothek endet eine wilde Verfolgungsjagd durch die Straßen von Paris und Bazil wird bei einem Schusswechsel von einer Kugel am Kopf getroffen. Die Ärzte können das Projektil nicht entfernen und entlassen den armen Bazil, der jetzt mit der ständigen Bedrohung in seinem Schädel leben muss.
Böse Waffenbosse
"Micmacs" von Jean-Pierre Jeunet ("Die fabelhafte Welt der Amélie") beginnt furios und düster. Der französische Fantast wirft den Zuschauer mit Witz und Tempo in seine surreale Kinovision. Die ist – typisch Jeunet – vergilbt, altmodisch, patiniert und gerade deshalb so romantisch modern, dass einem ganz mulmig wird im Kinosessel. Im Gegensatz zu Amélies Zuckerwattenwelt ist Paris hier ein gefährlicher Ort, beherrscht von Egoismus, Wahn und Einsamkeit. Dazu gesellt sich Jeunets skuriller Witz und jede Menge Wut. Denn die eigentlichen Verursacher von Bazils Unglück, die beiden Waffenproduzenten, die die Kugel in Bazils Kopf und die tödliche Tellermine seines Vaters hergestellt haben, residieren in unmittelbarer Nachbarschaft und stecken dazu noch in einer verbitterten Fehde. Das trifft sich gut für Bazil, denn der sinnt natürlich auf Rache und entwickelt einen ausgefuchsten Plan.
Freakiges Figurenkabinett
Jeunet hat seit jeher eine Liebe für eigenartige Schauplätze und abgefahrene Figuren. Diese Liebe lebt er in "Micmacs" bis zum Exzess aus. Neben Bazil tritt eine ganze Armee aus Gummimenschen, verrückten Tüftlern und menschlichen Kanonenkugeln den Kampf gegen die Superschurken an.
Es ist eine Horde von Außenseitern, die sich hier zusammenfindet, und gegen ihre Rolle am Rande der Gesellschaft aufbegehrt. Wie in "Freaks" (1932) von Tod Browning beginnen die Ausgestoßenen, die Ketten abzustreifen, die ihnen von den Reichen und Mächtigen angelegt wurden. Nur führen sie diesen Kampf nicht mit Gewalt, sondern mit Fantasie. "Micmacs" ist ein Film gewordener Aufstand gegen alle Kriegsgewinnler und Zyniker dieser Welt, ein starkes, verdammt unterhaltsames Plädoyer für Toleranz und Liebe.
Das müsst ihr sehen: Jean-Pierre Jeunets Meisterwerke
1. "Delicatessen" – Jeunet und sein ehemaliger Filmpartner Marc Caro zeigen eine post-apokalyptische Welt, in der es kaum noch was zu essen gibt. Ein Metzger hat daher eine eigene Methode zur Fleischbeschaffung entwickelt: Er schlachtet seine Hausmeister. Als nächstes soll arme Louison daran glauben, doch der verliebt sich in die Metzgerstochter...
2. "Die fabelhafte Welt der Amélie" – Amélie Poulain lebt in ihrer ganz eigenen Welt. Ihr Goldfisch hat Depressionen und will andauernd Selbstmord begehen, der Vater kommt über den Tod der Mutter nicht hinweg und scheinbar treibt ein Geist sein Unwesen in Paris. Jedenfalls findet Amélie immer wieder Fotos desselben Mannes in öffentlichen Fotokabinen. Ein großer Film über die Liebe.
3. "Mathilde" – Nach dem Ende des ersten Weltkriegs erfährt Mathilde, dass ihr Mann an der Front zum Tode verurteilt wurde. Er wollte sich selbst verstümmeln, um dem Kampfeinsatz zu entgehen. Zusammen mit vier weiteren Delinquenten wurde er in einem Gebiet zwischen den feindlichen Frontlinien ausgesetzt. Mathilde will nicht an seinen Tod glauben und macht sich auf die Suche.


