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14.02.2011 Permalink Weiterempfehlen

Album der Woche Arcade Fire - The Suburbs

Nach drei Jahren Pause erscheint im August 2010 das dritte Arcade Fire-Album "The Suburbs". Die on3-Musikredaktion glaubt: An dieser brillanten Platte muss dieses Jahrzehnt erstmal jemand vorbei kommen.

Arcade Fire

2005 im Münchner Feierwerk, auf der Bühne Arcade Fire: Ich werde nie vergessen, wie sie aus den überfrachteten Songs ihres ersten Albums "Funeral" musikalisches Kleinholz machen: Soundwände knallen aufeinander, der Bassdrum-Part von "Neighborhood 3 (Power Out)" wird vom Multiinstrumentalisten William Butler auf einem Bauzaun gespielt, das Publikum übernimmt den Backgroundchor. Hier ist etwas geschehen, was nur bei den wenigsten Konzerten passiert: Die Grenzen zwischen Band, Musik und Publikum verschwimmen.

Nach dem Exzess kommt der Kater und nach anderthalb Jahren "Funeral" in der Endlosschleife hatte ich mich satt gehört. Ihr 2007er Album "Neon Bible" wehte schon ein wenig an mir vorbei, genauso wie all die Geschichten um David Bowie oder Chris Martin, der Arcade Fire als eine der größten Bands aller Zeiten bezeichnete. Und jetzt also "The Suburbs", das verflixte dritte Album.

Im Fokus: Kindheit und Jugend

Mit "The Suburbs" widmen sich Arcade Fire dem Thema Kindheit und Jugend, Sänger Win Butler ist in Texas und später in New Hampshire aufgewachsen. In den Texten fallen ständig die Wörter "kids" oder "children". Es geht um das Verhältnis zu den Eltern und es geht um die versteckte Schönheit amerikanischer Vorstädte samt all ihrer Abgründe - Suburbs eben. Was erstmal banal klingt und schon auf "Funeral" immer wieder Thema war, verpackt Win Butler in kleine, intime Geschichten, die mich trotzdem sofort an jenen Hirnregionen packen, die Vergangenheit verarbeiten und aus Melancholie Euphorie machen.

Vielseitig und luftig

Musikalisch ist "The Suburbs" eines der vielseitigsten Alben der letzten Jahre: Die radikal-emotionalen Chorus-Parts von "The Funeral" sind fast verschwunden, bei Songs wie "Month Of May" wird die Gitarre auf Queens-Of-The-Stone-Age-Höhe gehängt.

Der klassische Arcade-Fire-Song samt tragendem Piano, Gitarre und Streichern findet sich auch auf "The Suburbs", nur ist er viel luftiger arrangiert und lässt einem Raum zum Atmen. Neu sind Keyboardsounds wie in "Spraw II (Mountains Beyound Mountains)", die fröhlich Richtung Depeche Mode und The Knife winken.

Dass die eigentlich tolle Stimme von Regine Cassagne nur in den wenigen Stücken, die kitschig-schmierig rüber kommen, am meisten Wirkung entfaltet, ist der einzige Makel auf dieser sonst so brillanten Platte. Und wenn Arcade Fire mit diesem Album wieder auf einer Bühne stehen, werde ich versuchen, alles zu geben. Auch wenn die Bühne jetzt kein intimer Indie-Club mehr ist, sondern wohl eher ein ausverkauftes Stadion.

TEXT: Jakob Janich