Die Frage on3-radio : Bin ich bereit für Kinder?
Von Sebastian NachbarWir lassen uns immer mehr Zeit mit dem Kinderkriegen. Ihr erstes Baby bekommen deutsche Frauen im Durchschnitt mit 31. Ausbildung, Karriere, Reisen – alles erstmal wichtiger. Wann ist der richtige Zeitpunkt für Kinder?
Deutsche Eltern werden immer älter. Das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Babys steigt – zuletzt von 29 auf 31 Jahre. Damit gehören deutsche Mütter zu den ältesten weltweit. Wir kommen spät aus der Schule, und wenn wir die Ausbildung endlich beendet haben, hangeln wir uns von Praktikum zu Praktikum. Eine Familie zu gründen steht dabei offenbar erstmal hinten an. Aber auch wenn wir jahrelang hinter Bibliotheksregalen, Ladentheken oder Werkbänken feststecken – irgendwann stellt sich fast jeder die Frage: "Bin ich bereit für Kinder?". Manche möchten den Zeitpunkt so weit wie möglich hinausschieben und fürchten nichts mehr als einen Unfall bei der Verhütung. Andere schielen neidisch auf Gleichaltrige beim Kinderwagenschaukeln. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die meisten 20 bis 30-Jährigen die Frage "Bin ich bereit für Kinder?" mit "noch nicht" beantworten.
Unsere Frage beschäftigt mich seit ein paar Monaten auch privat – ich werde nämlich Vater. Und ich freue mich riesig. Auf mein Baby mit seinen kleinen Fingern, auf das Chaos im Wohnzimmer, auf meine eigene Familie eben. Aber mit jedem Tag, an dem der Bauch meiner Freundin wächst, wächst auch die Zahl meiner Fragen: Was kommt da alles auf mich zu? Passiert das alles zu schnell? Statistisch gesehen bin ich mit 29 früh dran – zumal als Mann. Mein Studium ist noch nicht lange her, eine Festanstellung nicht in Sicht. Aber dann frage ich mich auch wieder: Gibt es überhaupt einen richtigen Zeitpunkt für dieses große Abenteuer?
Station 1: Studieren mit Kind – wie geht das?
Martin ist 26, studiert in München Maschinenbau und lebt zusammen mit dem fünfjährigen Jan. Die Mutter von Jan, Isabell, macht gerade ein Auslandssemester in Lyon und kommt nur alle zwei Wochen nach Hause. Also kümmert sich Martin alleine um den Jungen. Und das, obwohl er nicht einmal der leibliche Vater des Kindes ist.
Sein "Diskoleben", wie er sagt, hat Martin schon lange hinter sich gelassen. Seine Wochen sind durchgeplant – nur so schafft er das hohe Lernpensum. Meist sitzt Martin bis spät in die Nacht über seinen Büchern. So hält er sich die kostbaren Wochenenden frei für Jan. Trotzdem leidet er nicht darunter, schon früh Verantwortung übernommen zu haben. Und auch Mutter Isabell ist froh, dass sie ihr Kind jung bekommen hat. Sie kann jedem nur empfehlen, das Kinderkriegen nicht ewig hinauszuschieben. Warum das so ist und wie die beiden ihren Alltag meistern, erzählen sie im Interview.
Station 2: Warum lassen mich alle im Stich?
Jedes Jahr werden in Deutschland cirka 13000 Minderjährige schwanger. Aktuelle Zahlen sind rar – aber 2005 waren das acht von 1000 Mädchen im Alter von 15 bis 18 Jahren. Sozial schwache trifft das Problem härter: Je geringer die Schulbildung und je ärmer die Familie, desto höher das Risiko für ein Schwangerschaft. Die gute Nachricht: Hierzulande gehen die Zahlen seit Jahren leicht zurück – Deutschland hält sich im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Die meisten Teenagerschwangerschaften gibt es in Großbritannien (27 von 1000 Mädchen unter 20 Jahre), Rumänien (35 von 1000) und Bulgarien (44 von 1000). In Deutschland entscheidet sich fast jedes zweite Mädchen das Kind zu behalten – die andere Hälfte lässt die Schwangerschaft beenden.
Eine Abtreibung kam für Christiane aus Mühldorf nie wirklich in Frage. Als sie mit 19 schwanger wurde, drängte sie ihr Freund zum Abbruch. Als Christiane sich weigerte, machte er Schluss. Mit ihrer Mutter hatte Christiane schon länger Stress – während der Schwangerschaft eskalierten die Streitereien, bis die Mutter sie vor die Tür setzte. Erst zog Christiane zu ihrer Taufpatin, dann in eine WG – inzwischen ist Christiane im neunten Monat und wohnt im Mutter-Kind-Haus in München. In dem Wohnheim können Schwangere und junge Mütter zur Ruhe kommen und bekommen Beratung und Hilfe bei Behördengängen. Christiane ist stolz darauf, dass sie die Schwangerschaft auch ohne Freund und Familie gemeistert hat. Ihre ganze Geschichte und wie sie das geschafft hat, erzählt sie im Interview.
Station 3: Was passiert bei der Geburt?
Der Anfang vom Ende einer Schwangerschaft beginnt mit leichtem Ziehen in der Bauchgegend. 40 Wochen liegen hinter den Frauen und am Anfang fühlt sich eine Geburt etwa so an wie Menstruationsbeschwerden. Kein Grund, panisch in die Klinik zu rasen. "Richtig kräftige Wehen", sagen Hebammen, und zwar im Abstand von fünf Minuten, signalisieren den richtigen Zeitpunkt für die Fahrt ins Krankenhaus. Grundsätzlich gilt: Wenn die Fruchtblase, die sterile Hülle um den Embryo in der Gebärmutter platzt, sofort den Kreißsaal aufsuchen.
Durchschnittlich 13 Stunden muss eine Frau die Schmerzen ertragen - zwischen den ersten effektiven Geburtswehen und dem ersten Baby-Schrei. 13 Stunden höllische Strapazen. Früher war für Väter an der Tür zum Kreißsaalbereich Schluss. Heute haben sie einen festen Platz neben dem Entbindungsbett. Wie es dort aussieht, wo die allermeisten Kinder zur Welt kommen, wissen die meisten trotzdem erst, wenn es so weit ist. Wir haben schon mal einen Kreißsaal erkundet.
Station 4: Wieviel kostet ein Kind?
Von wegen "Kindersegen": Finanziell gesehen ist Nachwuchs ein echtes Armutsrisiko. 22 Prozent der Familien mit drei Kindern leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, sagt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Bei vier oder mehr Kindern sind es sogar 36 Prozent. Besonders hart trifft die Armut Alleinerziehende, von ihnen gelten 40 Prozent als arm.
Auch für Gutverdiener ist die finanzielle Belastung hoch: Wegwerfwindeln gleichen heutzutage Hightech-Schlüpfern, Kinderwägen kommen wie Mondfähren daher – auch im Preis. Günter Tischler leitet das Jugendamt Regensburg und berät junge Familien. Im Interview rechnet er vor, wie viel Eltern bis zum 18. Geburtstag für ein Kind ausgeben müssen. Der Gegenwert eines kleinen Hauses geht dabei schon drauf.
Station 5: Was soll mein Baby mit dem ganzen Krempel?
Hebammen sagen: Abgesehen von seiner Mutter braucht ein Neugeborenes gar nichts. Gesundheit ist das Wichtigste. Alles andere können frischgebackene Eltern nach der Entlassung aus dem Krankenhaus organisieren. So gesehen kommt ein Baby erst mal gar nicht teuer. In Wahrheit aber kostet die Erstausstattung vom Kinderbett über Buggy bis hin zu den Windeln bis zu 3000 Euro.
Aber man kann natürlich auch viel mehr ausgeben. Zum Beispiel für Geruch neutralisierende Windel-Entsorgungssysteme, für Englisch-Kurse für Babys oder Kinderwägen mit iPod-Anschluss. Diesen und ähnlichen überflüssigen Krempel versuchen die Aussteller bei der Babymesse in München den unerfahrenen Eltern anzudrehen. Wir haben die Messe mit der Kamera besucht und uns dem dem Konsumrausch hemmungslos hingegeben.
Station 6: Sind wir noch ein Paar oder nur noch Eltern?
Sechs Wochen vor dem Geburtstermin beginnt der Mutterschutz. Ab da dürfen Schwangere daheim bleiben, kassieren weiter 67 Prozent ihres Nettogehalts und können sich ein Jahr lang nur um sich und das Kind kümmern (14 Monate lang, wenn beide Partner sich die Zeit aufteilen). Aber was sich nach einer gemütlichen Auszeit auf der Couch anhört, ist in Wahrheit ein Vollzeit-Job: Zwischen dem ewigen Kreislauf aus Stillen, Wickeln und Bespaßen leiden Freizeit, Freunde und oft auch die Beziehung.
Im Rückbildungskurs einer Hebammenpraxis in Traunstein können junge Mütter wenigstens für ein paar Stunden in der Woche dem Familien-Trott entkommen. Mit Step-Aerobic und Beckenbodentraining bringen sie ihre Körper nach der Schwangerschaft wieder in Form. Und nach der Übung tauschen sie sich über den psychischen Stress aus, den ihr neues Leben bereit hält. Im Interview reden sie über Überforderung mit der neuen Situation, den ersten Sex nach der Geburt und ihre Angst vor Verdummung.

